Discrimination-Sensitive Metadata Practices
Data is not neutral
Normativity Grundlage
Daten und Metadaten erscheinen auf den ersten Blick als objektive Repräsentationen der Wirklichkeit, doch sind sie stets in historisch gewachsene Machtverhältnisse und normative Ordnungen eingebettet.
Jede Form von Daten- und Metadatenmodellierung – sei sie visuell, textuell oder strukturell – beruht auf normativen Entscheidungen, die oft unsichtbar bleiben.
«invisible hand of classification»
Bowker und Star 1999
«Technische Neutralität» Entscheidungen in Interface, Datenmodell und Standardisierung erscheinen als rein technische Notwendigkeiten, obwohl sie normative Setzungen enthalten.
commons.wikimedia.org/wiki/File:Map_of_the_Crimea.png · Karte: Maximilian Dörrbecker (Chumwa), CC BY-SA 2.0
Was das Beispiel zeigt
In der Umsetzung
Direct Discrimination
Direct Discrimination Diskriminierung · 1 / 6
Eine Regel, Entscheidung oder Handlung ist direkt diskriminierend, wenn sie Personen aufgrund eines geschützten Merkmals ungleich behandelt und diese Ungleichbehandlung nicht durch einen legitimen, verhältnismässigen Zweck gedeckt ist.
Kernelemente
*****
*****
*****
*****
Indirect Discrimination
Indirect Discrimination Diskriminierung · 2 / 6
Indirekte Diskriminierung liegt vor, wenn formal neutrale Kriterien, Methoden oder Regelungen zur Erhebung, Auswahl, Beschreibung oder Interpretation historischer Daten in ihrer Wirkung systematisch bestimmte Gruppen benachteiligen.
Das betrifft zum Beispiel unterdokumentierte Gruppen oder Praktiken, die durch etablierte Routineprozesse weiter marginalisiert werden.
Kernelemente
Structural Discrimination
Structural Discrimination Diskriminierung · 3 / 6
Strukturelle Diskriminierung bezeichnet Benachteiligungen, die in etablierten Praktiken der Sammlung, Dokumentation, Bewahrung und Zugänglichmachung verankert sind.
Ordnungen des Archivierens, Katalogisierens und Kuratierens reproduzieren häufig patriarchale, koloniale und heteronormative Sichtweisen.
Kernelemente
Institutional Discrimination
Institutional Discrimination Diskriminierung · 4 / 6
Institutionelle Diskriminierung entsteht, wenn interne Ordnungen und Routinen von einer spezifischen Gedächtnisinstitution systematisch bestimmte Gruppen benachteiligen.
Sie verschränkt sich oft mit struktureller Diskriminierung.
Kernelemente
Statistical Discrimination
Statistical Discrimination Diskriminierung · 5 / 6
Statistische Diskriminierung bezeichnet die Benachteiligung von Individuen, wenn unter unvollständiger Information Entscheidungen auf gruppenbezogenen Durchschnittswerten beruhen.
Kernelemente
Intersectional Discrimination
Intersectionality Diskriminierung · 6 / 6
Intersektionalität bezeichnet einen Analyseansatz, der Diskriminierung nicht als isolierte Einzelphänomene (zum Beispiel nur Sexismus oder nur Rassismus) versteht, sondern als verflochtene, sich wechselseitig konstituierende Macht- und Ungleichheitsverhältnisse.
Nicht additiv Es geht nicht darum, Diskriminierungen additiv zu summieren. Kategorienwahl, Modellierung und Beschreibung sind oft so angelegt, dass bestimmte Gruppen weder in der Kategorie A noch in der Kategorie B sichtbar werden, sondern zwischen beiden verschwinden (Crenshaw 1989; Collins 2000).
Wo intersektionale Effekte entstehen
Praktische Implikationen
Verzerrungen und Fehler in Daten, Algorithmen und Nutzung
Unter einem Bias wird eine Verzerrung – eine systematische Abweichung einer objektiven Darstellung – verstanden.
Technisch entsteht ein Bias in Forschungsdaten etwa durch
Jede historische Darstellung ist selektiv und perspektivisch.
Unterschied zu Diskriminierung
Bias
beschreibt in erster Linie eine diagnostizierbare Verzerrung in einem technischen oder methodischen Prozess.
Diskriminierung
bezeichnet die sozial wirksame Benachteiligung von Personen und Gruppen in ungleichen Machtverhältnissen.
Ein System kann damit statistisch “fairer” werden und dennoch diskriminierend wirken, wenn es historisch belastete Kategorien fortschreibt, Ausschlüsse reproduziert oder nur dominante Nutzergruppen als implizite Norm behandelt (Buolamwini und Gebru 2018; Noble 2018).
Die Taxonomie ordnet Verzerrungen nach dem Ort, an dem sie entstehen. Die Formen können unabhängig voneinander auftreten.
Taxonomie nach Mehrabi u. a. (2021)
Data Bias
8 Formen
Measurement Bias Daten · 1 / 8
Bias, der durch fehlerhafte, unvollständige oder inadäquate Messung von Variablen entsteht.
Beispiel 1 In digitalen Editionen historischer Texte wird “Bedeutung” oft über die Häufigkeit bestimmter Begriffe erfasst, doch fehlerhafte OCR-Erkennung – etwa wenn das historische “ſ” nicht als “s” erkannt wird – oder uneinheitliches Tagging führen leicht zu systematischen Verzerrungen.
Beispiel 2 Erfassung von Geschlecht in historischen Volkszählungen: “Beruf: Haushaltsvorstand” wird in digitalen Datenbanken oft als “männlich” codiert, was weibliche Haushaltsvorstände systematisch ausschliesst.
Omitted Variable Bias Daten · 2 / 8
Entsteht, wenn relevante Variablen im Modell fehlen, was zu verzerrten Ergebnissen führt.
Beispiel Eine digitale Netzwerkanalyse historischer Korrespondenz lässt informelle Kommunikationswege (zum Beispiel persönliche Treffen, mündliche Überlieferung) aus, was zu verzerrten Interpretationen von Kommunikationsnetzwerken führt.
Representation Bias Daten · 3 / 8
Bias durch nicht-repräsentative Stichproben, zum Beispiel geografische oder demografische Unterrepräsentation im Datensatz.
Beispiel Digitalisierte Zeitungsarchive decken meist nur bestimmte (oft bürgerliche oder urbane) Presse ab; Arbeiterzeitungen, marginalisierte Gruppen oder nicht-deutschsprachige Publikationen fehlen und werden in der Forschung unsichtbar.
Aggregation Bias Daten · 4 / 8
Fehlerhafte Verallgemeinerung von Gruppenergebnissen auf Individuen oder Subgruppen.
Simpson’s Paradox Aggregierte Trends können täuschen, weil sich Zusammenhänge auf Subgruppenebene ins Gegenteil verkehren. Beispiel: Eine Methode scheint insgesamt erfolgreicher, ist aber in allen Teilgruppen weniger erfolgreich, die Aggregation verschleiert dies.
Modifiable Areal Unit Problem (MAUP) Ergebnisse hängen von der gewählten räumlichen Aggregation ab. Beispiel: Zusammenfassung von unterschiedlichen Sozialstrukturen (zum Beispiel alle “Arbeiter” im 19. Jh.) überdeckt regionale Unterschiede – etwa zwischen Textilarbeiterinnen im Ruhrgebiet und Landarbeitern in Ostpreussen.
Sampling Bias Daten · 5 / 8
Bias durch nicht-zufällige Auswahl von Stichproben führt zu mangelnder Generalisierbarkeit.
Beispiel Oral History-Projekte, die ausschliesslich mit Zeitzeugen arbeiten, die aktiv Kontakt zu Forscher*innen aufnehmen, erfassen tendenziell eher politisch engagierte oder bildungsnahe Akteur*innen.
Longitudinal Data Fallacy Daten · 6 / 8
Fehlschluss durch Vermischung von Kohorten in Querschnittsdaten, anstatt echte zeitliche Entwicklung zu betrachten.
Beispiel Analyse von Wikidata-Einträgen zu historischen Persönlichkeiten über Jahrzehnte hinweg, ohne zu berücksichtigen, dass sich die Erfassungsregeln oder Community-Praktiken im Zeitverlauf ändern.
Historical Bias Daten · 7 / 8
Bias, der bereits in der gesellschaftlichen Realität existiert und sich in den Daten widerspiegelt, auch bei perfekter Stichprobe.
Beispiel Digitale Repositorien, die historische Demografie abbilden, spiegeln patriarchale Strukturen wider: Die geringe Zahl von “Frauen in Führungspositionen” ist kein Datenfehler, sondern gesellschaftliche Realität.
Population Bias Daten · 8 / 8
Unterschiede zwischen Nutzenden der Plattform und der Zielpopulation, zum Beispiel durch Demografie.
Beispiel Wikidata-Einträge zu Historiker*innen stammen überproportional von männlichen, westlichen Beitragenden, was sich in der Sichtbarkeit und Kategorisierung niederschlägt.
Bias in Algorithms
2 Formen
Algorithmic Bias Algorithmen · 1 / 2
Bias, der durch algorithmische Designentscheidungen entsteht, unabhängig von Bias in den Daten (zum Beispiel durch Auswahl der Optimierungsfunktion).
Beispiel Topic Modeling von philosophischen Texten ergibt “Themen”, die Resultat von Wortlisten und Stoppwortdefinitionen sind, aber von Nicht-Expert*innen als inhaltlich signifikante Topoi interpretiert werden.
Evaluation Bias Algorithmen · 2 / 2
Verzerrung durch ungeeignete oder unausgewogene Benchmarks bei der Modellbewertung.
Beispiel Trainings- und Testsets für Named-Entity-Recognition-Modelle im Bereich Geschichte verwenden hauptsächlich Quellen des 20. Jahrhunderts. Modelle performen deshalb schlecht bei mittelalterlichen oder frühneuzeitlichen Texten.
User Interaction Bias
9 Formen
Presentation Bias Nutzung · 1 / 9
Ungleichgewicht, das durch visuelle, typografische oder layoutbezogene Hervorhebungen entsteht. Interface-Entscheide lenken Aufmerksamkeit und Interpretationsrahmen, bevor inhaltliche Qualität bewertet wird.
Beispiel Quellen, die ohne Einschränkungen zugänglich sind, werden farblich hervorgehoben im Archivkatalog. Damit werden sie häufiger angeklickt und verdrängen die weniger zugänglichen Quellen überdurchschnittlich.
Ranking Bias Nutzung · 2 / 9
Systematische Verzerrung durch Sortierlogiken, die Klicks, Zitationszahlen oder Metadatenfülle belohnen. Höhere Position führt zu mehr Aufmerksamkeit, was die ursprüngliche Rangordnung verstärkt, unabhängig von Relevanz.
Beispiel Museumsportal sortiert nach “Meist betrachtet”. Kolonialzeitliche Exponate mit früher Social-Media-Reichweite dominieren, während neu katalogisierte Objekte aus dem Globalen Süden kaum Sichtbarkeit erhalten.
Popularity Bias Nutzung · 3 / 9
Beliebtere Objekte werden häufiger gezeigt und verstärken dadurch ihre Popularität, unabhängig von Qualität.
Beispiel In Crowdsourcing-Projekten zu alten Handschriften dominieren wenige besonders aktive User, sodass ihre Lesarten überproportional häufig übernommen werden.
Emergent Bias Nutzung · 4 / 9
Bias, der erst durch langfristige Interaktion mit Nutzenden oder gesellschaftlichen Wandel entsteht.
Beispiel Ein digitales Editionsprojekt zu mittelalterlichen Urkunden wird ursprünglich als Forschungsinfrastruktur für Editionsphilologie konzipiert. Mit der Zeit beginnen jedoch genealogische Communities, die Daten für Familienforschung zu nutzen. Dadurch verschiebt sich die Nachfrage in Richtung Namens- und Ortsindexierung. Die Infrastrukturbetreiber passen ihre Metadatenstrukturen und Suchfunktionen an diese Nutzergruppen an, was wiederum philologische Tiefeninformationen (zum Beispiel Variantenkritik) systematisch marginalisiert.
Self-Selection Bias Nutzung · 5 / 9
Bias durch selbstselektierende Teilnehmende, zum Beispiel in Umfragen.
Beispiel Digitalisierungsprojekte zu Privatarchiven werden eher von Familien mit hohem kulturellem Kapital initiiert, während marginalisierte Familien seltener teilnehmen.
Social Bias Nutzung · 6 / 9
Individuelle Entscheidungen werden durch soziale Einflüsse verzerrt.
Beispiel Bei kollaborativen Transkriptionsprojekten orientieren sich neue User*innen an den Lesegewohnheiten erfahrener Transkribierender und übernehmen deren Fehler.
Behavioral Bias Nutzung · 7 / 9
Unterschiedliches Verhalten von Nutzenden je nach Plattform, Kontext oder Zeit.
Beispiel Historiker*innen recherchieren systematischer, während Lai*innen häufig nach Familiennamen oder spektakulären Ereignissen suchen. Dies beeinflusst Zugriffszahlen.
Temporal Bias Nutzung · 8 / 9
Verzerrungen, die sich aus zeitlichen Veränderungen in Verhalten oder Population ergeben.
Beispiel Die Häufigkeit von Suchbegriffen in Archiven schwankt mit Debatten (zum Beispiel “Pandemie” 2020/21), was langfristige Analysen verzerrt.
Content Production Bias Nutzung · 9 / 9
Verzerrungen, die auf Unterschieden in Struktur, Lexik, Semantik und Syntax nutzergenerierter Inhalte beruhen.
Beispiel Digitale Foren zur Wissenschaftsgeschichte werden auf Englisch dominiert; andere Sprachen sind unterrepräsentiert.
Moritz Mähr: Diskriminierungssensible Metadatenpraxis. Kapitel «Theorie: Schlüsselbegriffe und Konzepte», Abschnitte «Diskriminierung in und durch Daten» und «Verzerrungen und Fehler (Bias)».
https://moritz-maehr.quarto.pub/diskriminierungssensible-metadatenpraxis/#sec-theorie
Taxonomie: Mehrabi, Ninareh, Fred Morstatter, Nripsuta Saxena, Kristina Lerman und Aram Galstyan. 2021. «A Survey on Bias and Fairness in Machine Learning». ACM Computing Surveys 54 (6): 1–35. https://doi.org/10.1145/3457607
Zahlen zum Simpson-Paradox: Charig, C. R., D. R. Webb, S. R. Payne und J. E. Wickham. 1986. «Comparison of Treatment of Renal Calculi by Open Surgery, Percutaneous Nephrolithotomy, and Extracorporeal Shockwave Lithotripsy». BMJ 292 (6524): 879–82. https://doi.org/10.1136/bmj.292.6524.879
Weitere zitierte Literatur (Bowker und Star 1999; Crenshaw 1989; Collins 2000; Buolamwini und Gebru 2018; Noble 2018) im Literaturverzeichnis des Handbuchs.