Diskriminierungssensible Metadatenpraxis

Discrimination-Sensitive Metadata Practices

Moritz Mähr

Universität Bern, Digital Humanities

Noëlle Schnegg

Sciences Po

Setting the scene

Screenshot der Digitalen Sammlungen der Königlichen Bibliothek Kopenhagen: Plakat «Knie Völkerschau», Lithografie, um 1969.

Daten sind nicht neutral

Data is not neutral

Normativität

Normativity Grundlage

Daten und Metadaten erscheinen auf den ersten Blick als objektive Repräsentationen der Wirklichkeit, doch sind sie stets in historisch gewachsene Machtverhältnisse und normative Ordnungen eingebettet.

Jede Form von Daten- und Metadatenmodellierung – sei sie visuell, textuell oder strukturell – beruht auf normativen Entscheidungen, die oft unsichtbar bleiben.

«invisible hand of classification»

Bowker und Star 1999

«Technische Neutralität» Entscheidungen in Interface, Datenmodell und Standardisierung erscheinen als rein technische Notwendigkeiten, obwohl sie normative Setzungen enthalten.

Krim in Wikidata: Bezeichnungen

Screenshot von Wikidata, Objekt Crimea (Q7835): Beschreibung «disputed between Ukraine (de jure) and Russia (de facto)» und Bezeichnungen in mehreren Sprachen.

Krim in Wikidata: Staatszugehörigkeit

Screenshot von Wikidata, Objekt Crimea (Q7835), Eigenschaft «country»: Ukraine ab 1991 (de jure), Russland ab 2014 (de facto), Sowjetunion, Russisches Kaiserreich, Krim-Khanat.

Karte der Krim auf Wikimedia Commons

Screenshot von Wikimedia Commons: Datei «Map of the Crimea.png», eine Karte der Halbinsel Krim mit Städten, Strassen und Grenzen.

commons.wikimedia.org/wiki/File:Map_of_the_Crimea.png · Karte: Maximilian Dörrbecker (Chumwa), CC BY-SA 2.0

Das Beispiel Krim

Was das Beispiel zeigt

  • Wikidata führt die Krim sowohl als Teil der Ukraine (“de jure”) als auch Russlands (“de facto”).
  • Viele verknüpfte Objekte wie Städte oder administrative Einheiten übernehmen diese Mehrdeutigkeit nicht konsistent oder bilden einzig die ukrainische Perspektive ab.
  • Die Karte operiert mit einem klaren Framing zugunsten der ukrainischen Souveränität und blendet alternative Klassifikationsoptionen, wie etwa die Bezeichnung “Republik Krim” als Teil Russlands, weitgehend aus.

In der Umsetzung

  1. Transparente Dokumentation von Modellierungsentscheidungen (Schema, Version, Geltungsbereich)
  2. Parallele Felder für Mehrperspektivität (de jure/de facto, Selbst- und Fremdbezeichnungen)
  3. Überprüfbare Quellen- und Provenienzangaben
  4. Explizite, maschinenlesbare Markierung von Konflikten und Unsicherheiten (Status, Zeitraum, räumliche Gültigkeit)

Direkte Diskriminierung

Direct Discrimination

Direkte Diskriminierung

Direct Discrimination Diskriminierung · 1 / 6

Eine Regel, Entscheidung oder Handlung ist direkt diskriminierend, wenn sie Personen aufgrund eines geschützten Merkmals ungleich behandelt und diese Ungleichbehandlung nicht durch einen legitimen, verhältnismässigen Zweck gedeckt ist.

Kernelemente

  1. Unmittelbare Ungleichbehandlung: Eine Regel oder Praxis behandelt Personen explizit unterschiedlich.
  2. Merkmalsbezug: Die Ungleichbehandlung knüpft an ein tatsächliches oder zugeschriebenes (geschütztes) Merkmal an.
  3. Fehlende Rechtfertigung: Es gibt keinen legitimen, verhältnismässigen Zweck, der die Ungleichbehandlung trägt.

Staatsarchiv Basel-Stadt: BSL 1001 G 1.1.13.2

Screenshot des Digitalen Lesesaals des Staatsarchivs Basel-Stadt: Fotografie eines Mannes, der an einem Mast hochklettert, Signatur BSL 1001 G 1.1.13.2. Der Titel enthält eine koloniale, rassistische Fremdbezeichnung; ein Teil des Wortes ist auf der Folie abgedeckt.

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Staatsarchiv Basel-Stadt: BSL 1001 N 2.13

Screenshot des Digitalen Lesesaals des Staatsarchivs Basel-Stadt: Dossier BSL 1001 N 2.13 aus dem Bestand Völkerschauen, Entstehungszeit 1883, Autor Taeschler-Signer, Basel. Der Titel enthält eine koloniale, rassistische Fremdbezeichnung; ein Teil des Wortes ist auf der Folie abgedeckt.

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Indirekte Diskriminierung

Indirect Discrimination

Indirekte Diskriminierung

Indirect Discrimination Diskriminierung · 2 / 6

Indirekte Diskriminierung liegt vor, wenn formal neutrale Kriterien, Methoden oder Regelungen zur Erhebung, Auswahl, Beschreibung oder Interpretation historischer Daten in ihrer Wirkung systematisch bestimmte Gruppen benachteiligen.

Das betrifft zum Beispiel unterdokumentierte Gruppen oder Praktiken, die durch etablierte Routineprozesse weiter marginalisiert werden.

Kernelemente

  1. Formale Neutralität: Kriterien oder Prozesse wirken auf den ersten Blick allgemeingültig.
  2. Ungleichwirkung: In der Anwendung entstehen systematische Nachteile für bestimmte Gruppen (Disparate Impact).
  3. Alternative Gestaltung: Es gäbe weniger benachteiligende, fachlich gleichwertige Verfahren oder Ausnahmen.

Élites suisses: Index des personnes

Screenshot der Datenbank Élites suisses: Index des personnes, alphabetisch nach Nachname sortiert, mit Spalten Nom, Prénom, Dates, Mandats und Projet.

Strukturelle Diskriminierung

Structural Discrimination

Strukturelle Diskriminierung

Structural Discrimination Diskriminierung · 3 / 6

Strukturelle Diskriminierung bezeichnet Benachteiligungen, die in etablierten Praktiken der Sammlung, Dokumentation, Bewahrung und Zugänglichmachung verankert sind.

Ordnungen des Archivierens, Katalogisierens und Kuratierens reproduzieren häufig patriarchale, koloniale und heteronormative Sichtweisen.

Kernelemente

  1. Einbettung in Routinen und Infrastrukturen: Benachteiligungen entstehen nicht primär durch einzelne Akte, sondern durch gewachsene Standards, Prozesse und Klassifikationen.
  2. Kumulativität und Pfadabhängigkeit: Viele kleine Entscheidungen verstärken sich über Zeit und werden schwer revidierbar.
  3. Unsichtbarkeit als Normalform: Ungleichheiten erscheinen als “Datenlage” oder “Sachzwang” und werden dadurch stabilisiert.

GND: Datenfeld Geschlecht

Screenshot der Standardisierungsdokumentation der Deutschen Nationalbibliothek: GND-Datenfeld «Geschlecht», das die Geschlechtsangabe von Personen in normierter Form enthält.

GND: Codes für Geschlecht

Screenshot der GND-Dokumentation, Unterfeld Code: nur «männlich» und «weiblich» sind als Codes vorgesehen. Eine abweichende Angabe wie intersexuell darf nur als Freitext in einem anderen Datenfeld erfasst werden.

Institutionelle Diskriminierung

Institutional Discrimination

Institutionelle Diskriminierung

Institutional Discrimination Diskriminierung · 4 / 6

Institutionelle Diskriminierung entsteht, wenn interne Ordnungen und Routinen von einer spezifischen Gedächtnisinstitution systematisch bestimmte Gruppen benachteiligen.

Sie verschränkt sich oft mit struktureller Diskriminierung.

Kernelemente

  1. Organisationsspezifische Regeln: Benachteiligung wird durch interne Policies, Zuständigkeiten, Budgets oder Systementscheidungen erzeugt.
  2. Reproduzierbarkeit im Betrieb: Effekte sind wiederkehrend (nicht zufällig), weil sie in Prozessen, Rollen und Steuerung verankert sind.
  3. Verantwortung und Governance: Gegenmassnahmen erfordern klare Zuständigkeiten, Dokumentation und überprüfbare Entscheidungswege.

Bildindex: Genozid-Denkmal, Ejmiacin

Screenshot des Bildindex der Kunst und Architektur: Fotografie des Genozid-Denkmals in Ejmiacin, Kathedrale Ejmiacin, datiert 1965, Datensatz von Bildarchiv Foto Marburg.

Statistische Diskriminierung

Statistical Discrimination

Statistische Diskriminierung

Statistical Discrimination Diskriminierung · 5 / 6

Statistische Diskriminierung bezeichnet die Benachteiligung von Individuen, wenn unter unvollständiger Information Entscheidungen auf gruppenbezogenen Durchschnittswerten beruhen.

Kernelemente

  1. Informationsasymmetrie: Über Einzelne liegen weniger, über Gruppen mehr Information vor. Entscheidungen werden auf Gruppenstatistiken gestützt.
  2. Gruppenzuschreibung: Wahrscheinlichkeiten oder Durchschnitte werden auf einzelne Personen übertragen.
  3. Effekt: Benachteiligung von Personen, die nicht dem Gruppenprofil entsprechen.

Intersektionale Diskriminierung

Intersectional Discrimination

Intersektionalität

Intersectionality Diskriminierung · 6 / 6

Intersektionalität bezeichnet einen Analyseansatz, der Diskriminierung nicht als isolierte Einzelphänomene (zum Beispiel nur Sexismus oder nur Rassismus) versteht, sondern als verflochtene, sich wechselseitig konstituierende Macht- und Ungleichheitsverhältnisse.

Nicht additiv Es geht nicht darum, Diskriminierungen additiv zu summieren. Kategorienwahl, Modellierung und Beschreibung sind oft so angelegt, dass bestimmte Gruppen weder in der Kategorie A noch in der Kategorie B sichtbar werden, sondern zwischen beiden verschwinden (Crenshaw 1989; Collins 2000).

Intersektionalität: Schnittmenge zweier Kategorien Zwei überlappende Kreise. Links die Kategorie «Frauen», implizit als weiss gelesen. Rechts die Kategorie «Schwarze Menschen», implizit als männlich gelesen. Die Schnittmenge «Schwarze Frauen» ist hervorgehoben: Sie ist weder in der einen noch in der anderen Kategorie sichtbar und verschwindet zwischen den Kategorien. «Frauen» implizit als «weiss» gelesen «Schwarze Menschen» implizit als «männlich» gelesen Schwarze Frauen Weder in A noch in B sichtbar: verschwinden zwischen den Kategorien nach Crenshaw 1989

Intersektionalität in der Metadatenpraxis

Wo intersektionale Effekte entstehen

  • Klassifikationslogik: Facetten oder Normdaten sind so strukturiert, dass „Frauen“ implizit als „weiss“ und „Schwarze Menschen“ implizit als „männlich“ gelesen werden.
  • Retrieval-Logik: Such- und Filterfunktionen behandeln Kategorien als unabhängig. Eine Suche nach „Frauen“ liefert dann vor allem Datensätze, die in dominanten Kontexten bereits gut beschrieben wurden.
  • Quellenlage und Erschliessung: Historische Überlieferung und institutionelle Sammelpraktiken sind ungleich verteilt.

Praktische Implikationen

  1. Mehrfachkategorisierung ermöglichen: Kombinationen von Kategorien nicht technisch ausschliessen.
  2. Schnittmengen prüfen: Qualitätskontrollen auch für Kreuzungen, zum Beispiel „Frauen + Minderheitensprache“.
  3. Granularität vs. Schutz: Je granularer Merkmale kombiniert werden, desto leichter kann Re-Identifikation werden.

Bias

Verzerrungen und Fehler in Daten, Algorithmen und Nutzung

Was ist Bias?

Unter einem Bias wird eine Verzerrung – eine systematische Abweichung einer objektiven Darstellung – verstanden.

Technisch entsteht ein Bias in Forschungsdaten etwa durch

  • eine unausgewogene Datenauswahl,
  • eine stereotypisierende Begriffsauswahl,
  • algorithmische Vorannahmen.

Jede historische Darstellung ist selektiv und perspektivisch.

Unterschied zu Diskriminierung

Bias

beschreibt in erster Linie eine diagnostizierbare Verzerrung in einem technischen oder methodischen Prozess.

Diskriminierung

bezeichnet die sozial wirksame Benachteiligung von Personen und Gruppen in ungleichen Machtverhältnissen.

Ein System kann damit statistisch “fairer” werden und dennoch diskriminierend wirken, wenn es historisch belastete Kategorien fortschreibt, Ausschlüsse reproduziert oder nur dominante Nutzergruppen als implizite Norm behandelt (Buolamwini und Gebru 2018; Noble 2018).

Drei Familien von Bias

Überblick: drei Familien von Bias Drei nebeneinanderstehende, unverbundene Kästen: Daten mit acht Formen, Algorithmen mit zwei Formen und Nutzerinteraktion mit neun Formen. Die Formen können unabhängig voneinander auftreten. Daten Data Bias 1 Messfehler 2 Auslassungsfehler 3 Repräsentationsfehler 4 Aggregationsfehler 5 Stichprobenfehler 6 Längsschnittfehler 7 Historische Verzerrung 8 Populationsfehler Algorithmen Bias in Algorithms 9 Algorithmischer Fehler 10 Evaluationsfehler Nutzerinteraktion User Interaction Bias 11 Darstellungsfehler 12 Rangfolgenfehler 13 Popularitätsfehler 14 Emergenter Fehler 15 Selbstselektionsverzerrung 16 Soziale Verzerrung 17 Verhaltensverzerrung 18 Zeitliche Verzerrung 19 Inhaltsproduktionsfehler

Die Taxonomie ordnet Verzerrungen nach dem Ort, an dem sie entstehen. Die Formen können unabhängig voneinander auftreten.

Taxonomie nach Mehrabi u. a. (2021)

Verzerrung in Daten

Data Bias

8 Formen

Messfehler

Measurement Bias Daten · 1 / 8

Bias, der durch fehlerhafte, unvollständige oder inadäquate Messung von Variablen entsteht.

Beispiel 1 In digitalen Editionen historischer Texte wird “Bedeutung” oft über die Häufigkeit bestimmter Begriffe erfasst, doch fehlerhafte OCR-Erkennung – etwa wenn das historische “ſ” nicht als “s” erkannt wird – oder uneinheitliches Tagging führen leicht zu systematischen Verzerrungen.

Beispiel 2 Erfassung von Geschlecht in historischen Volkszählungen: “Beruf: Haushaltsvorstand” wird in digitalen Datenbanken oft als “männlich” codiert, was weibliche Haushaltsvorstände systematisch ausschliesst.

Messfehler: zwei Beispiele Beispiel 1: Das Wort Waſſer mit langem s geht durch eine OCR und wird zu Waffer. Eine Suche nach Wasser ergibt 0 Treffer. Beispiel 2: Der Beruf Haushaltsvorstand wird als Geschlecht männlich codiert. Haushaltsvorständinnen verschwinden. Beispiel 1 · OCR Waſſer Druck, 18. Jh. OCR Waffer Volltext Suche nach «Wasser»: 0 Treffer Beispiel 2 · Volkszählung Beruf: Haushaltsvorstand codiert Geschlecht: männlich Haushalts- vorständinnen verschwinden

Auslassungsfehler

Omitted Variable Bias Daten · 2 / 8

Entsteht, wenn relevante Variablen im Modell fehlen, was zu verzerrten Ergebnissen führt.

Beispiel Eine digitale Netzwerkanalyse historischer Korrespondenz lässt informelle Kommunikationswege (zum Beispiel persönliche Treffen, mündliche Überlieferung) aus, was zu verzerrten Interpretationen von Kommunikationsnetzwerken führt.

Auslassungsfehler: Netzwerk mit und ohne mündliche Kommunikation Links die Realität: Personen A, B, C und D sind durch Briefe, Treffen und Gespräche verbunden. Rechts der Datensatz: Nur die Briefe A–B und C–D sind erfasst. Das Netzwerk zerfällt scheinbar in zwei getrennte Gruppen. Realität Brief Brief Treffen Gespräch A B C D Datensatz Brief Brief A B C D zwei getrennte Gruppen? erfasst nicht erfasst: Treffen, Gespräche

Repräsentationsfehler

Representation Bias Daten · 3 / 8

Bias durch nicht-repräsentative Stichproben, zum Beispiel geografische oder demografische Unterrepräsentation im Datensatz.

Beispiel Digitalisierte Zeitungsarchive decken meist nur bestimmte (oft bürgerliche oder urbane) Presse ab; Arbeiterzeitungen, marginalisierte Gruppen oder nicht-deutschsprachige Publikationen fehlen und werden in der Forschung unsichtbar.

Repräsentationsfehler: Presse und digitalisiertes Archiv Links 25 Zeitungen: bürgerliche und urbane Presse, Arbeiterzeitungen sowie Blätter marginalisierter Gruppen und nicht-deutschsprachige Blätter. Rechts nach der Digitalisierung: fast nur die bürgerliche, urbane Presse ist vorhanden, die anderen Plätze sind leer. Erschienene Presse Digitalisiertes Archiv Digitalisierung bürgerliche, urbane Presse Arbeiterzeitungen marginalisierte Gruppen, nicht-deutschsprachig fehlt im Archiv

Aggregationsfehler

Aggregation Bias Daten · 4 / 8

Fehlerhafte Verallgemeinerung von Gruppenergebnissen auf Individuen oder Subgruppen.

Simpson’s Paradox Aggregierte Trends können täuschen, weil sich Zusammenhänge auf Subgruppenebene ins Gegenteil verkehren. Beispiel: Eine Methode scheint insgesamt erfolgreicher, ist aber in allen Teilgruppen weniger erfolgreich, die Aggregation verschleiert dies.

Modifiable Areal Unit Problem (MAUP) Ergebnisse hängen von der gewählten räumlichen Aggregation ab. Beispiel: Zusammenfassung von unterschiedlichen Sozialstrukturen (zum Beispiel alle “Arbeiter” im 19. Jh.) überdeckt regionale Unterschiede – etwa zwischen Textilarbeiterinnen im Ruhrgebiet und Landarbeitern in Ostpreussen.

Aggregationsfehler: Simpson-Paradox und MAUP Oben ein Balkendiagramm: In Teilgruppe 1 hat Methode Y 93 Prozent Erfolg, Methode X 87. In Teilgruppe 2 hat Y 73, X 69. Gesamt hat X 83 und Y 78. X wirkt insgesamt besser, ist aber in beiden Teilgruppen schlechter. Unten: Textilarbeiterinnen im Ruhrgebiet und Landarbeiter in Ostpreussen werden zu «Arbeiter» zusammengefasst; die Unterschiede verschwinden. Simpson-Paradox · Erfolgsquote in % Methode X Methode Y 87 93 Teilgruppe 1 69 73 Teilgruppe 2 83 78 Gesamt Daten: Nierenstein-Studie (Charig u. a. 1986) MAUP · Zusammenfassen über Regionen Ruhrgebiet Textilarbeiterinnen Ostpreussen Landarbeiter alle «Arbeiter», 19. Jh. regionale Unterschiede verdeckt

Stichprobenfehler

Sampling Bias Daten · 5 / 8

Bias durch nicht-zufällige Auswahl von Stichproben führt zu mangelnder Generalisierbarkeit.

Beispiel Oral History-Projekte, die ausschliesslich mit Zeitzeugen arbeiten, die aktiv Kontakt zu Forscher*innen aufnehmen, erfassen tendenziell eher politisch engagierte oder bildungsnahe Akteur*innen.

Stichprobenfehler: Selbstmeldung für Oral-History-Interviews 24 Zeitzeug*innen, davon 6 politisch engagiert oder bildungsnah. Nach dem Filter «meldet sich selbst» sind 5 von 6 Interviewten politisch engagiert oder bildungsnah. Zeitzeug*innen meldet sich selbst Interviews politisch engagiert, bildungsnah andere Stichprobe: 5 von 6 Population: 6 von 24

Längsschnittfehler

Longitudinal Data Fallacy Daten · 6 / 8

Fehlschluss durch Vermischung von Kohorten in Querschnittsdaten, anstatt echte zeitliche Entwicklung zu betrachten.

Beispiel Analyse von Wikidata-Einträgen zu historischen Persönlichkeiten über Jahrzehnte hinweg, ohne zu berücksichtigen, dass sich die Erfassungsregeln oder Community-Praktiken im Zeitverlauf ändern.

Längsschnittfehler: Erfassungsregeln ändern sich Eine Linie zeigt die Zahl der Einträge über die Zeit. Sie springt genau dort nach oben, wo die Erfassungsregeln von A zu B und von B zu C wechseln. Der Sprung zeigt eine neue Regel, nicht eine neue Geschichte. Regeln A Regeln B Regeln C Einträge zu historischen Personen (schematisch) Zeitpunkt der Erfassung Sprung = neue Regel, nicht neue Geschichte Direkter Vergleich: «Die Welt hat sich verändert» – oder die Erfassung?

Historische Verzerrung

Historical Bias Daten · 7 / 8

Bias, der bereits in der gesellschaftlichen Realität existiert und sich in den Daten widerspiegelt, auch bei perfekter Stichprobe.

Beispiel Digitale Repositorien, die historische Demografie abbilden, spiegeln patriarchale Strukturen wider: Die geringe Zahl von “Frauen in Führungspositionen” ist kein Datenfehler, sondern gesellschaftliche Realität.

Historische Verzerrung: korrekte Daten einer ungleichen Vergangenheit Links eine historische Gesellschaft mit acht Männern und einer Frau in Führungspositionen. Über Quellen mit perfekter Stichprobe entsteht rechts ein Datensatz mit demselben Verhältnis. Die Daten sind korrekt; die Ungleichheit liegt in der Geschichte. Historische Gesellschaft Führungspositionen Datensatz Führungspositionen Quellen perfekte Stichprobe Männer Frauen Daten korrekt – Ungleichheit liegt in der Geschichte, nicht im Datenfehler

Populationsfehler

Population Bias Daten · 8 / 8

Unterschiede zwischen Nutzenden der Plattform und der Zielpopulation, zum Beispiel durch Demografie.

Beispiel Wikidata-Einträge zu Historiker*innen stammen überproportional von männlichen, westlichen Beitragenden, was sich in der Sichtbarkeit und Kategorisierung niederschlägt.

Populationsfehler: Beitragende und Zielpopulation Links sechs Beitragende, davon fünf männlich und westlich. Sie erfassen Einträge in Wikidata. Rechts zwölf Historiker*innen weltweit; die Personen aus anderen Gruppen sind blass dargestellt, also weniger sichtbar. Beitragende erfassen Wikidata Zielpopulation Historiker*innen weltweit männlich, westlich andere Gruppen Sichtbarkeit folgt den Beitragenden, nicht der Zielpopulation

Verzerrung durch Algorithmen

Bias in Algorithms

2 Formen

Algorithmischer Fehler

Algorithmic Bias Algorithmen · 1 / 2

Bias, der durch algorithmische Designentscheidungen entsteht, unabhängig von Bias in den Daten (zum Beispiel durch Auswahl der Optimierungsfunktion).

Beispiel Topic Modeling von philosophischen Texten ergibt “Themen”, die Resultat von Wortlisten und Stoppwortdefinitionen sind, aber von Nicht-Expert*innen als inhaltlich signifikante Topoi interpretiert werden.

Algorithmischer Fehler: Topic Modeling mit zwei Stoppwortlisten Dieselben philosophischen Texte gehen durch zwei Topic Models mit unterschiedlichen Stoppwortlisten. Das eine ergibt die Themen Gott, Seele, Geist; das andere Natur, Vernunft, Erkenntnis (schematisch). Gleiche Texte philosophische Texte Stoppwortliste A + Topic Model Gott Seele Geist Stoppwortliste B + Topic Model Natur Vernunft Erkenntnis «Themen» Andere Designentscheidung → andere «Themen» Nicht-Expert*innen lesen sie als inhaltliche Topoi.

Evaluationsfehler

Evaluation Bias Algorithmen · 2 / 2

Verzerrung durch ungeeignete oder unausgewogene Benchmarks bei der Modellbewertung.

Beispiel Trainings- und Testsets für Named-Entity-Recognition-Modelle im Bereich Geschichte verwenden hauptsächlich Quellen des 20. Jahrhunderts. Modelle performen deshalb schlecht bei mittelalterlichen oder frühneuzeitlichen Texten.

Evaluationsfehler: Testset und Erkennungsrate nach Epoche Links der Anteil der Epochen im Testset: 20. Jahrhundert 80 Prozent, 19. Jahrhundert 12, Frühe Neuzeit 5, Mittelalter 3. Rechts die Erkennungsrate: 92, 81, 58 und 41 Prozent. Illustrative Werte. Anteil im Testset Erkennungsrate (NER) 20. Jh. 80 % 92 % 19. Jh. 12 % 81 % Frühe Neuzeit 5 % 58 % Mittelalter 3 % 41 % Benchmark prüft vor allem das 20. Jahrhundert Illustrative Werte

Verzerrung durch Nutzerinteraktion

User Interaction Bias

9 Formen

Darstellungsfehler

Presentation Bias Nutzung · 1 / 9

Ungleichgewicht, das durch visuelle, typografische oder layoutbezogene Hervorhebungen entsteht. Interface-Entscheide lenken Aufmerksamkeit und Interpretationsrahmen, bevor inhaltliche Qualität bewertet wird.

Beispiel Quellen, die ohne Einschränkungen zugänglich sind, werden farblich hervorgehoben im Archivkatalog. Damit werden sie häufiger angeklickt und verdrängen die weniger zugänglichen Quellen überdurchschnittlich.

Darstellungsfehler: farbig hervorgehobene Treffer im Archivkatalog Fünf Treffer in einem Archivkatalog. Die drei frei zugänglichen sind farbig hervorgehoben und erhalten 92, 78 und 70 Klicks. Die zwei eingeschränkten sind grau und erhalten 14 und 9 Klicks (schematisch). Archivkatalog: Suchergebnisse Klicks Ratsprotokolle 1850–1900 frei zugänglich 92 Nachlass F. Muster eingeschränkt 14 Fotosammlung Hafen frei zugänglich 78 Vormundschaftsakten eingeschränkt 9 Zeitungsausschnitte frei zugänglich 70 Hervorhebung lenkt Klicks – vor jeder Prüfung des Inhalts

Rangfolgenfehler

Ranking Bias Nutzung · 2 / 9

Systematische Verzerrung durch Sortierlogiken, die Klicks, Zitationszahlen oder Metadatenfülle belohnen. Höhere Position führt zu mehr Aufmerksamkeit, was die ursprüngliche Rangordnung verstärkt, unabhängig von Relevanz.

Beispiel Museumsportal sortiert nach “Meist betrachtet”. Kolonialzeitliche Exponate mit früher Social-Media-Reichweite dominieren, während neu katalogisierte Objekte aus dem Globalen Süden kaum Sichtbarkeit erhalten.

Rangfolgenfehler: Sortierung nach Meist betrachtet Eine Trefferliste ist nach «Meist betrachtet» sortiert. Kolonialzeitliche Exponate stehen auf den Plätzen 1 bis 4 und erhalten viel Aufmerksamkeit. Neu katalogisierte Objekte aus dem Globalen Süden stehen auf den Plätzen 5 und 6 und erhalten wenig. Ein Pfeil zeigt: Was oben steht, bleibt oben. Sortierung: Meist betrachtet ▾ Aufmerksamkeit 1 Kolonialzeitliches Exponat 2 Kolonialzeitliches Exponat 3 Kolonialzeitliches Exponat 4 Kolonialzeitliches Exponat 5 Neu katalogisiert, Globaler Süden 6 Neu katalogisiert, Globaler Süden verstärkt die Rangfolge Position erzeugt Aufmerksamkeit, nicht Relevanz

Popularitätsfehler

Popularity Bias Nutzung · 3 / 9

Beliebtere Objekte werden häufiger gezeigt und verstärken dadurch ihre Popularität, unabhängig von Qualität.

Beispiel In Crowdsourcing-Projekten zu alten Handschriften dominieren wenige besonders aktive User, sodass ihre Lesarten überproportional häufig übernommen werden.

Popularitätsfehler: wenige aktive User und eine Rückkopplungsschleife Links ein Balkendiagramm: Zwei sehr aktive User haben 46 und 31 Lesarten beigetragen, sechs weitere nur 8 bis 1. Rechts eine Schleife: wird gezeigt, wird übernommen, gilt als richtig, wird wieder gezeigt (schematisch). Übernommene Lesarten pro User 46 31 8 6 4 3 2 1 User, nach Aktivität sortiert wird gezeigt wird übernommen gilt als richtig Wenige aktive User prägen, was als Lesart gilt

Emergenter Fehler

Emergent Bias Nutzung · 4 / 9

Bias, der erst durch langfristige Interaktion mit Nutzenden oder gesellschaftlichen Wandel entsteht.

Beispiel Ein digitales Editionsprojekt zu mittelalterlichen Urkunden wird ursprünglich als Forschungsinfrastruktur für Editionsphilologie konzipiert. Mit der Zeit beginnen jedoch genealogische Communities, die Daten für Familienforschung zu nutzen. Dadurch verschiebt sich die Nachfrage in Richtung Namens- und Ortsindexierung. Die Infrastrukturbetreiber passen ihre Metadatenstrukturen und Suchfunktionen an diese Nutzergruppen an, was wiederum philologische Tiefeninformationen (zum Beispiel Variantenkritik) systematisch marginalisiert.

Emergenter Fehler: Editionsprojekt im Zeitverlauf Drei Phasen. Konzeption: Philolog*innen nutzen die Edition, Variantenkritik ist stark ausgebaut. Neue Nutzung: Familienforschende kommen dazu. Anpassung: Der Namens- und Ortsindex wächst, die Variantenkritik schrumpft (schematisch). Konzeption Editionsphilologie Variantenkritik Namens-/Ortsindex Neue Nutzung Genealogie-Communities Variantenkritik Namens-/Ortsindex Anpassung Infrastruktur folgt Variantenkritik Namens-/Ortsindex Philolog*innen Familienforschende Variantenkritik wird erst mit der Zeit an den Rand gedrängt

Selbstselektionsverzerrung

Self-Selection Bias Nutzung · 5 / 9

Bias durch selbstselektierende Teilnehmende, zum Beispiel in Umfragen.

Beispiel Digitalisierungsprojekte zu Privatarchiven werden eher von Familien mit hohem kulturellem Kapital initiiert, während marginalisierte Familien seltener teilnehmen.

Selbstselektionsverzerrung: Aufruf zur Digitalisierung von Privatarchiven Zehn Familien, fünf mit hohem kulturellem Kapital und fünf marginalisierte. Auf einen Aufruf melden sich vier Familien mit hohem kulturellem Kapital und eine marginalisierte. Das digitalisierte Archiv besteht deshalb vor allem aus Beständen der ersten Gruppe. Familien Aufruf: Privatarchive digitalisieren Digitalisiert hohes kulturelles Kapital marginalisierte Familien Wer sich meldet, prägt das Archiv

Soziale Verzerrung

Social Bias Nutzung · 6 / 9

Individuelle Entscheidungen werden durch soziale Einflüsse verzerrt.

Beispiel Bei kollaborativen Transkriptionsprojekten orientieren sich neue User*innen an den Lesegewohnheiten erfahrener Transkribierender und übernehmen deren Fehler.

Soziale Verzerrung: Lesefehler verbreitet sich im Transkriptionsprojekt In der Handschrift steht Meyer. Eine erfahrene Person liest Mayer. Drei neue User*innen orientieren sich an ihr und transkribieren ebenfalls Mayer (schematisch). Handschrift Meyer erfahrene Person liest «Mayer» «Mayer» «Mayer» «Mayer» neue User*innen Ein Lesefehler wird zur Norm im Projekt

Verhaltensverzerrung

Behavioral Bias Nutzung · 7 / 9

Unterschiedliches Verhalten von Nutzenden je nach Plattform, Kontext oder Zeit.

Beispiel Historiker*innen recherchieren systematischer, während Lai*innen häufig nach Familiennamen oder spektakulären Ereignissen suchen. Dies beeinflusst Zugriffszahlen.

Verhaltensverzerrung: zwei Gruppen suchen unterschiedlich Historiker*innen suchen systematisch über Bestand, Serie und Dossier oder über Signaturen. Lai*innen suchen nach Familiennamen und spektakulären Ereignissen. Die Zugriffszahlen sind deshalb bei Familiennamen und Ereignissen hoch und bei Verwaltungsserien niedrig (schematisch). Historiker*innen Bestand → Serie → Dossier Signatur PA 123 Lai*innen «Müller» «Stadtbrand 1917» «Familie Meier» Zugriffszahlen Familiennamen 62 Ereignisse 46 Verwaltungsserien 14 Zugriffe zeigen Suchverhalten, nicht Bedeutung

Zeitliche Verzerrung

Temporal Bias Nutzung · 8 / 9

Verzerrungen, die sich aus zeitlichen Veränderungen in Verhalten oder Population ergeben.

Beispiel Die Häufigkeit von Suchbegriffen in Archiven schwankt mit Debatten (zum Beispiel “Pandemie” 2020/21), was langfristige Analysen verzerrt.

Zeitliche Verzerrung: Suchanfragen nach Pandemie 2016 bis 2024 Ein Liniendiagramm zeigt die Suchanfragen nach «Pandemie» als Index. Von 2016 bis 2019 liegen die Werte bei 5 bis 7. 2020 springt der Wert auf 100, 2021 liegt er bei 82 und fällt danach auf 11 im Jahr 2024. Illustrative Werte. Suchanfragen «Pandemie» im Archivkatalog Debatte 2020/21 0 50 100 2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2024 Index, Höchstwert = 100 · illustrative Werte Spitzen spiegeln Debatten, nicht Bestände

Inhaltsproduktionsfehler

Content Production Bias Nutzung · 9 / 9

Verzerrungen, die auf Unterschieden in Struktur, Lexik, Semantik und Syntax nutzergenerierter Inhalte beruhen.

Beispiel Digitale Foren zur Wissenschaftsgeschichte werden auf Englisch dominiert; andere Sprachen sind unterrepräsentiert.

Inhaltsproduktionsfehler: Beiträge nach Sprache Ein Balkendiagramm zeigt die Beiträge eines Forums nach Sprache: Englisch 78 Prozent, Deutsch 8, Französisch 6, Spanisch 4, andere 4. Illustrative Werte. Beiträge in einem Forum zur Wissenschaftsgeschichte Englisch 78 % Deutsch 8 % Französisch 6 % Spanisch 4 % andere 4 % Illustrative Werte Eine Sprache bestimmt Begriffe, Struktur und Sichtbarkeit

Quellen

Moritz Mähr: Diskriminierungssensible Metadatenpraxis. Kapitel «Theorie: Schlüsselbegriffe und Konzepte», Abschnitte «Diskriminierung in und durch Daten» und «Verzerrungen und Fehler (Bias)».
https://moritz-maehr.quarto.pub/diskriminierungssensible-metadatenpraxis/#sec-theorie

Taxonomie: Mehrabi, Ninareh, Fred Morstatter, Nripsuta Saxena, Kristina Lerman und Aram Galstyan. 2021. «A Survey on Bias and Fairness in Machine Learning». ACM Computing Surveys 54 (6): 1–35. https://doi.org/10.1145/3457607

Zahlen zum Simpson-Paradox: Charig, C. R., D. R. Webb, S. R. Payne und J. E. Wickham. 1986. «Comparison of Treatment of Renal Calculi by Open Surgery, Percutaneous Nephrolithotomy, and Extracorporeal Shockwave Lithotripsy». BMJ 292 (6524): 879–82. https://doi.org/10.1136/bmj.292.6524.879

Weitere zitierte Literatur (Bowker und Star 1999; Crenshaw 1989; Collins 2000; Buolamwini und Gebru 2018; Noble 2018) im Literaturverzeichnis des Handbuchs.