Formulieren einer historischen Forschungsfrage
Die Schweiz und der Europarat
Überblick und didaktisches Ziel
Diese Übung vermittelt übertragbare methodische Kompetenzen zur Entwicklung historischer Forschungsfragen. Ziel ist nicht die Generierung einer „richtigen“ Frage, sondern das kontrollierte, reflektierte Zusammenspiel zwischen eigenständigem historischen Denken und KI-gestützter Exploration.
Im Zentrum steht ein gemeinsames Fallbeispiel: Die Schweiz und der Europarat.
Die Übung folgt einem zirkulären Forschungsverständnis: Ergebnisse einzelner Schritte können – und sollen – revidiert werden.
Trotz fortschreitender Digitalisierung ist historische Forschung nicht vollständig online durchführbar. Insbesondere vergriffene Sekundärliteratur und noch nicht erschlossene Primärquellen erfordern häufig physische Recherchen in Bibliotheken und Archiven. Planen Sie Zugänge (Bibliothek, Fernleihe, Archiv) und beachten Sie, dass Plattformen/Kataloge Sichtbarkeit strukturieren (Erschliessungslogik) und keine Vollständigkeit garantieren.(Putnam 2016) Digitale Quellenkritik erfordert besondere Aufmerksamkeit für die Entstehung und Kuratierung von Online-Sammlungen.(Fickers und Tatarinov 2022)
Voraussetzungen
- Grundverständnis historischer Forschungsmethoden
- Basiskenntnisse im Umgang mit generativer KI (insbesondere Prompting)
Falls Sie noch nicht mit Prompting vertraut sind, empfehlen wir die Übung Prompt Engineering zuerst zu durchlaufen.
Sie können die Übung mit LLMs von unterschiedlichen Herstellern durchführen. Für diese Übung ist es hilfreich, wenn das LLM Zugriff auf das Internet hat und sich Dateien hochladen lassen.
Lernziele
Nach Abschluss der Übung sind Sie in der Lage:
- zwischen Thema, Fragestellung und analytischer historischer Forschungsfrage zu unterscheiden,
- eine präzise und bearbeitbare historische Forschungsfrage zu formulieren,
- KI-Systeme kritisch und methodisch kontrolliert zur Literatur- und Kontexterschliessung einzusetzen,
- die Quellenlage und Machbarkeit eines historischen Forschungsvorhabens reflektiert einzuschätzen.
Struktur der Übung
Die Übung ist modular aufgebaut. Jeder Schritt enthält:
- eine klare Zielsetzung,
- eine oder mehrere konkrete Aufgaben (Prompts),
- einen Arbeits- und Reflexionsauftrag.
- Begriffsklärung: Was ist eine historische Forschungsfrage?
- Themenfestlegung und historischer Überblick
- Forschungsstand und Forschungslücken
- Quellenlage und Machbarkeit
- Eingrenzung und Formulierung der Forschungsfrage
- Iterative Revision und Reflexion des KI-Einsatzes
1. Begriffsklärung: Historische Forschungsfrage
Ziel
Verständnis der Unterschiede zwischen Thema, Fragestellung und analytischer historischer Forschungsfrage.
Aufgabe (KI-Exploration)
Was ist eine historische Forschungsfrage?
Welche Elemente sind in einer historischen Forschungsfrage enthalten?Falls keine Prozessbeschreibung enthalten ist:
Welche Schritte sind notwendig, um eine historische Forschungsfrage zu entwickeln?Arbeitsauftrag (kritischer Abgleich)
Vergleichen Sie die KI-Antwort systematisch mit:
- Werkzeugkasten Geschichte (Universität Basel)
- Kompass Geschichtsstudium (Universität Zürich)
- Leitfaden Geschichtswissenschaft (Universität Bremen)
- Studienleitfaden Fachbereich Geschichte (Universität Hamburg)
Identifizieren Sie:
- Übereinstimmungen,
- Auslassungen,
- Begriffsverschiebungen oder Vereinfachungen.
Gezielte Rückfragen an die KI:
Warum fehlt das Element X?Auf welche wissenschaftlichen oder didaktischen Quellen stützt sich deine Definition?2. Themenfestlegung und historischer Überblick
Ziel
Trennung von Thema und analytischer Fragestellung sowie Aufbau eines soliden historischen Grundwissens.
Themenrahmen (vorgegeben)
Die Schweiz und der Europarat
(Optional: Dialogische Themenfindung)
Du bist Historiker und hilfst mir im Dialog, ein historisches Thema für eine studentische Arbeit zu finden.Worin unterscheidet sich dieser KI-Dialog von einem Gespräch mit einer Dozierenden oder einer Kommilitonin?
Aufgabe (historischer Überblick)
Gib mir einen historischen Überblick über die Beziehung zwischen der Schweiz und dem Europarat.Abgleich und Kritik
Vergleichen Sie den Überblick mit:
- Dodis: Die Schweiz und der Europarat
- Dodis: Beitritt zum Europarat 1963
- Wikipedia: Europarat (mit Vorsicht nutzen, schauen Sie die Diskussionsseite an)
Gezielte Nachfragen:
Warum fehlt der Aspekt X (z. B. Neutralität, EMRK, EGMR)?Auf welche Quellen stützt sich diese Darstellung?3. Forschungsstand und Forschungslücken
Ziel
Unterscheidung zwischen deskriptivem Überblick und analytischem Forschungsstand.
Aufgabe (Sekundärliteratur)
Nenne zentrale historische Sekundärliteratur zur Beziehung zwischen der Schweiz und dem Europarat.Aufgabe (Forschungslücken)
Welche offenen Fragen oder Forschungslücken bestehen in der bisherigen Forschung?Arbeitsauftrag
Überprüfen Sie die genannten Titel via https://swisscovery.slsp.ch.
Gleichen Sie die Ergebnisse ab mit:
- Altermatt und Casasus (2013)
- Historisches Lexikon der Schweiz: Europarat
Gezielte Rückfragen:
Warum fehlt das Werk X?Warum wird Frage Y als Forschungslücke bezeichnet, obwohl sie in Werk Z behandelt wird?4. Quellenlage und Machbarkeit
Ziel
Einschätzung, ob eine Forschungsfrage quellenbasiert bearbeitbar ist.
Aufgabe (Primärquellen)
Welche Primärquellen eignen sich zur Untersuchung der Forschungsfrage X?Falls nötig:
Nenne konkrete Archive, Sammlungen und Dokumenttypen zur Schweiz und dem Europarat.Abgleich mit realen Ressourcen
Vergleichen Sie die Antwort mit u. a.:
- Dodis: Die Schweiz und der Europarat
- Dodis: Beitritt zum Europarat 1963
- Année Politique Suisse: Europarat
- Amtsdruckschriften der Schweiz (Bundesarchiv)
- chgov.bar.admin.ch (Bundesarchiv)
- e-newspaperarchives.ch (ETH-Bibliothek Zürich)
- Archives Online (Staatsarchive der Schweiz)
- e-periodica.ch (ETH-Bibliothek Zürich)
- IMPRESSO Project
- Memobase
- swisscollections.ch
5. Eingrenzung und Formulierung der Forschungsfrage
Ziel
Transformation einer offenen Fragestellung in eine präzise analytische historische Forschungsfrage.
Mögliche Dimensionen der Eingrenzung
- Zeitlich: z. B. 1949–1963, Kalter Krieg, Post-1971
- Räumlich: Schweiz im transnational-europäischen Kontext
- Thematisch: Neutralität, Menschenrechte, Rechtsprechung, Aussenpolitik, Parlamentarismus
Aufgabe (Eingrenzung)
Schlage mögliche zeitliche, räumliche und thematische Eingrenzungen für die Forschungsfrage X vor.Aufgabe (Formulierung)
Formuliere auf dieser Basis eine analytische historische Forschungsfrage.Qualitätscheck
Die Forschungsfrage sollte:
- offen und analytisch sein („Wie“, „Warum“, „Inwiefern“),
- historisch kontextualisiert sein,
- mit verfügbaren Quellen bearbeitbar erscheinen.
6. Iterative Revision und Reflexion
Ziel
Bewusste Trennung zwischen KI-Unterstützung und eigener Forschungsentscheidung.
Abschlussaufgabe
Notieren Sie kurz:
- Was hat die KI erleichtert?
- Wo war sie irreführend, unpräzise oder verkürzend?
- Welche Entscheidungen konnten nur Sie selbst treffen?
Lernergebnis
Am Ende der Übung verfügen Sie über:
- eine klar formulierte analytische historische Forschungsfrage,
- ein reflektiertes Verständnis der Potenziale und Grenzen von KI im Forschungsdesign,
- eine methodisch begründete Einschätzung der Machbarkeit Ihres Projekts.
Weiterführende Ressourcen
- Ranke.2: Wikipedia als historische Quelle – Provenienz, Revisionsgeschichten und digitale Quellenkritik.
- AI Pedagogy Project: Was ist KI? – Konzeptuelle Einführung für nicht-technische Zielgruppen.
Bibliographie
Zitat
@inreference{mähr2025,
author = {Mähr, Moritz},
title = {Formulieren einer historischen Forschungsfrage},
booktitle = {Critical AI Literacy für Historiker:innen},
date = {2025-12-29},
url = {https://maehr.github.io/critical-ai-literacy-for-historians/de/exercises/formulieren-historische-forschungsfrage-schweiz-europarat.html},
langid = {de}
}