Quellenkritik
Bundesrat und Europarat 1949
Überblick und didaktisches Ziel
Diese Übung vermittelt übertragbare Kompetenzen der Quellenkritik (äussere und innere Kritik) anhand einer konkreten Quelle aus den Diplomatischen Dokumenten der Schweiz (Dodis). Im Zentrum steht die Frage, wie eine Quelle als historisches Evidenzobjekt behandelt wird: nicht als „Faktenspeicher“, sondern als situierter Artefakt mit Entstehungskontext und Überlieferungsgeschichte.
Fallbeispiel (Primärquelle): Dodis: Switzerland and the Council of Europe
Die hier verwendete Quelle liegt in einer editorisch aufbereiteten digitalen Edition vor. Für die Quellenkritik gehört deshalb nicht nur der Text, sondern auch die Editionsebene (Metadaten, Archivsignatur, Verlinkungen, Editionsrichtlinien) zum Untersuchungsgegenstand. (Fickers und Tatarinov 2022)
Auf einen Blick
| Angabe | Wert |
|---|---|
| Dauer | ca. 180 Minuten |
| Niveau | Intermediate |
| Kernpfad | 1 → 2 → 3 → 5 → 6 |
| Optionale Vertiefung | 4 (Kontextualisierung und Gegenprobe) |
| Abgabe (Minimum) | Analyseprotokoll zu einer Quelle. KI-Protokoll: 6 Einträge. |
Der Kernpfad führt Sie in ca. 180 Minuten zu einer vollständigen Quellenkritik. Schritt 4 kostet ca. 90 Minuten zusätzlich, denn Sie suchen dafür weitere Quellen.
Die zwei Protokolle haben unterschiedliche Aufgaben. Das Analyseprotokoll beschreibt die Quelle. Das KI-Protokoll beschreibt Ihre KI-Nutzung. Führen Sie beide getrennt.
Was Sie brauchen
Fachliches Wissen
- Grundverständnis historischer Forschungsmethoden
- Basiskenntnisse im Umgang mit generativer KI, insbesondere Prompting
Falls Sie noch nicht mit Prompting vertraut sind, empfehlen wir die Übung Prompt Engineering zuerst zu durchlaufen.
Fähigkeiten des KI-Systems
Das System muss die drei folgenden Dinge können:
- Eine hochgeladene Datei lesen und aus dieser Datei zitieren. Sie brauchen das ab Schritt 1.
- Eine Antwort in einem Format liefern, das Sie vorgeben, zum Beispiel als Tabelle mit Behauptung und Belegstelle.
- Im Web suchen und die Fundstellen mit einer Adresse belegen. Sie brauchen das nur in Schritt 4.
Weitere Werkzeuge und Zugänge
- Die Quelle als Datei. Sie laden das Dokument Dodis 5020 frei herunter, und Sie brauchen dafür keinen institutionellen Zugang.
- Eine Datei für Ihr Analyseprotokoll und eine Datei für Ihr KI-Protokoll.
Sie können jede Übung mit KI-Systemen von unterschiedlichen Herstellern durchführen. Was ein System kann, hängt vom Produkt und von Ihrem Konto ab. Klären Sie deshalb vor dem Start die fünf folgenden Punkte.
Kosten
Ein kostenloses Konto genügt für kurze Textaufgaben. Für einige Fähigkeiten brauchen Sie ein kostenpflichtiges Konto. Das betrifft meist die Suche im Web, das Lesen langer Dateien und den eingebauten Denkmodus. Prüfen Sie zuerst, ob Ihre Hochschule einen Zugang bereitstellt.
Werkzeuge
Prüfen Sie, welche Werkzeuge Ihr Konto freischaltet. Kann das System im Web suchen? Kann es eine hochgeladene Datei lesen? Kann es externe Dienste aufrufen? Die Übung nennt die Fähigkeiten, die sie voraussetzt.
Der Abschnitt Fähigkeiten prüfen und einordnen erklärt fünf neuere Fähigkeiten. Er beschreibt auch, was jede Fähigkeit für Ihre Quellenarbeit bedeutet.
Speicher
Manche Systeme übernehmen Angaben aus früheren Sitzungen oder aus einem Projektkontext. Prüfen Sie die Einstellungen zu Speicher, Projekten und Chatverlauf. Eine neue Sitzung garantiert deshalb keinen leeren Kontext.
Konto: institutionell oder privat
Prüfen Sie, mit welchem Konto Sie arbeiten. Die Regeln unterscheiden sich in drei Punkten.
| Punkt | Konto Ihrer Institution | Privates Konto |
|---|---|---|
| Vertrag | Ihre Hochschule schliesst ihn ab und haftet mit. | Sie schliessen ihn selbst ab und haften allein. |
| Training | Ein Vertrag schliesst die Nutzung Ihrer Eingaben oft aus. | Viele Anbieter nutzen Eingaben für das Training. |
| Erlaubtes Material | Die Hochschule regelt, welche Daten Sie eingeben dürfen. | Sie haben keine solche Regel und tragen das Risiko selbst. |
Fragen Sie die IT-Stelle oder die Bibliothek Ihrer Hochschule, wenn Sie die Regeln nicht finden. Halten Sie die Antwort in Ihrem KI-Protokoll fest.
Laden Sie kein Material hoch, über das Sie nicht verfügen dürfen. Ein Upload verlässt Ihren Rechner und Sie können ihn nicht zurückholen.
Diese Materialien bleiben ausserhalb des KI-Systems:
- Personenbezogene Daten lebender Personen, zum Beispiel aus Interviews, aus Nachlässen oder aus Beständen mit Schutzfrist.
- Digitalisate, deren Nutzungsbedingungen eine Weitergabe untersagen.
- Unveröffentlichte Texte anderer Personen, zum Beispiel Manuskripte oder Gutachten.
- Lizenzpflichtige Volltexte, wenn die Lizenz Ihrer Bibliothek eine Weitergabe untersagt.
Im Zweifel arbeiten Sie mit einem kurzen Auszug oder mit einer anonymisierten Fassung. Sie können auch ein lokales Modell verwenden, denn dabei bleibt das Material auf Ihrem Rechner.
Recht: Datenschutz und Kennzeichnung
Zwei Rechtsgebiete betreffen Ihre Arbeit direkt. Dieser Abschnitt gibt eine Orientierung und keine Rechtsberatung.
Datenschutz. In der EU gilt die Datenschutz-Grundverordnung, in der Schweiz das revidierte Datenschutzgesetz (Verordnung (EU) 2016/679 zum Schutz natürlicher Personen bei der Verarbeitung personenbezogener Daten (Datenschutz-Grundverordnung) 2016, Bundesgesetz über den Datenschutz (DSG) 2020). Beide Gesetze schützen personenbezogene Daten lebender Personen. Verbindlich ist der Gesetzestext selbst. Artikel 6 DSGVO verlangt für jede Verarbeitung eine Rechtsgrundlage, und ein Upload ist eine Verarbeitung.
Die Rolle des Anbieters entscheidet über die Einordnung. Ein Anbieter kann als Auftragsverarbeiter handeln und Ihre Daten nur in Ihrem Auftrag verarbeiten. Artikel 4 Nummer 10 DSGVO zählt einen Auftragsverarbeiter ausdrücklich nicht zu den Dritten. Diese Rolle setzt jedoch einen Vertrag nach Artikel 28 DSGVO voraus. Ohne einen solchen Vertrag verwendet ein Anbieter Ihre Eingaben für eigene Zwecke. Ein Upload ist deshalb nicht immer eine Weitergabe an Dritte, aber ohne Vertrag müssen Sie davon ausgehen. Prüfen Sie den Vertrag, der für Ihr Konto gilt.
Für die Forschung gelten Auflagen, aber keine Freistellung. Artikel 89 Absatz 1 DSGVO verlangt geeignete Garantien, zum Beispiel Datenminimierung und Pseudonymisierung. Artikel 89 Absatz 2 DSGVO erlaubt dem Gesetzgeber Ausnahmen von einzelnen Rechten der betroffenen Personen. Auch die Information der betroffenen Personen kann entfallen, nämlich nach Artikel 14 Absatz 5 Buchstabe b DSGVO. Das gilt aber nur, wenn die Information unmöglich ist oder einen unverhältnismässigen Aufwand erfordert. Forschung befreit Sie also nicht allgemein von der Informationspflicht. Klären Sie Ihren Einzelfall mit der Datenschutzstelle Ihrer Hochschule.
Der Europäische Datenschutzausschuss hat 2026 einen Leitfaden zur Forschung vorgelegt (European Data Protection Board 2026). Dieser Leitfaden stand bis Juni 2026 in der öffentlichen Konsultation. Er ist deshalb kein geltendes Recht, sondern eine Auslegungshilfe. Für verstorbene Personen gelten die Schutzfristen und die Benutzungsordnung des Archivs.
Kennzeichnung. Die KI-Verordnung der EU regelt die Transparenz erzeugter Inhalte (Verordnung (EU) 2024/1689 zur Festlegung harmonisierter Vorschriften für künstliche Intelligenz (Verordnung über künstliche Intelligenz) 2024). Artikel 50 gilt seit dem 2. August 2026. Er unterscheidet zwei Adressaten: den Anbieter eines KI-Systems und den Betreiber. Betreiber sind Sie, sobald Sie ein KI-System beruflich einsetzen. Bei rein privater Nutzung sind Sie nach Artikel 3 Nummer 4 kein Betreiber.
Als Betreiber treffen Sie zwei getrennte Pflichten aus Artikel 50 Absatz 4.
- Deepfake. Erzeugt oder verändert ein KI-System ein Bild, eine Tonaufnahme oder ein Video, und ist der Inhalt ein Deepfake, dann legen Sie das offen. Ein Deepfake ähnelt nach Artikel 3 Nummer 60 wirklichen Personen, Orten oder Ereignissen und wirkt fälschlich echt. Ein erzeugtes Bild ohne diesen Wirklichkeitsbezug fällt nicht unter diese Pflicht.
- Text zu öffentlichen Fragen. Veröffentlichen Sie erzeugten Text, um die Öffentlichkeit über eine Angelegenheit von öffentlichem Interesse zu informieren, dann legen Sie das offen. Die Pflicht entfällt, wenn eine Person den Text geprüft hat und die redaktionelle Verantwortung für die Veröffentlichung trägt.
Artikel 50 Absatz 4 verlangt also keine Kennzeichnung für jedes erzeugte Bild und für jeden erzeugten Text. Artikel 50 Absatz 2 richtet sich dagegen an den Anbieter. Der Anbieter muss erzeugte Inhalte maschinenlesbar kennzeichnen. Diese Pflicht liegt nicht bei Ihnen, und sie ersetzt Ihre eigene Offenlegung nicht.
Die rechtliche Kennzeichnung und die wissenschaftliche Offenlegung sind zwei getrennte Pflichten. Ihre Hochschule verlangt eine Deklaration auch dann, wenn das Gesetz keine Kennzeichnung fordert. Die Übung Zitieren zeigt, wie Sie Ihre KI-Nutzung ausweisen.
Halten Sie Ihre Antworten auf diese fünf Punkte fest. Sie gehören zur Beschreibung Ihrer Arbeitsumgebung.
Lernziele
Nach Abschluss der Übung sind Sie in der Lage:
- externe und interne Quellenkritik systematisch anzuwenden,
- Authentizität, Provenienz und Überlieferung einer digital edierten Aktennotiz zu prüfen,
- Autor:innenschaft, Horizon/Standpunkt, Intention und Bias hermeneutisch zu rekonstruieren,
- zwischen wissentlicher und unwissentlicher Aussageebene (witting/unwitting testimony) zu unterscheiden,
- den Evidenzwert der Quelle in Relation zu einer Forschungsfrage präzise zu bestimmen,
- das “Vetorecht der Quelle” zu operationalisieren (was schliesst sie aus? was lässt sie offen?),
- KI-Systeme kritisch und methodisch kontrolliert zur Quellenkritik und Kontexterschliessung einzusetzen.
Struktur der Übung
Jeder Schritt enthält:
- eine Zielsetzung,
- konkrete Aufgaben (inkl. optionaler KI-Prompts),
- einen Arbeits- und Reflexionsauftrag.
- Orientierung: Quellengattung, Minimalparaphrase, erste Forschungsheuristik
- Externe Kritik: Provenienz, Authentizität, Überlieferung, Edition
- Interne Kritik: Sprecherposition, Intention, Argumentlogik, Bias
- Kontextualisierung & Gegenprobe: Triangulation mit weiteren Quellen
- Evidenzwert & „Veto-Macht“: was lässt sich stützen, was nicht?
- Dokumentation & Reflexion: Reproduzierbarkeit, KI-Protokoll
1. Orientierung: Was ist diese Quelle (und wofür kann sie stehen)?
Ziel
Eine erste kontrollierte Einordnung der Quelle als Objekt: Gattung, Situation, Akteurskonstellation, thematischer Fokus.
Aufgabe 1a: Minimalparaphrase ohne KI
Formulieren Sie in max. 4 Sätzen:
- Wer spricht/handelt?
- Was ist der Anlass?
- Was ist die zentrale Aussage/Entscheidung?
- Welche Konsequenz wird angedeutet?
Aufgabe 1b: Dieselbe Minimalparaphrase mittels KI
Analysiere die angehängte Aktennotiz (Bern, 7.7.1949, Petitpierre/Hansen, Europarat) und beantworte folgende Fragen:
Wer spricht/handelt?
Was ist der Anlass?
Was ist die zentrale Aussage/Entscheidung?
Welche Konsequenz wird angedeutet?Prüfen Sie vor dem Upload, ob Sie über das Material verfügen dürfen. Der Abschnitt «Was Sie brauchen» nennt die Materialien, die ausserhalb des KI-Systems bleiben. Freier Zugang allein erlaubt keinen Upload: eine frei zugängliche Quelle kann eine Weitergabe trotzdem untersagen. Prüfen Sie deshalb die Nutzungsbedingungen von Dodis, bevor Sie das Digitalisat hochladen.
Laden Sie das Dokument als PDF-Datei zusammen mit dem Prompt hoch. Das ist der Normalfall. Stellen Sie sicher, dass die KI auch Zugriff auf die Metadaten hat. Rufen Sie die Metadaten online ab oder geben Sie sie selbst an.
Nur im Ausnahmefall, wenn der Upload nicht funktioniert, kopieren Sie den Inhalt des Dokuments an den Anfang des Prompts. Grenzen Sie ihn visuell ab, beispielsweise durch “““. Beispiel:
"""
INHALT DOKUMENT
"""
"""
METADATEN DOKUMENT (inkl. URL)
"""
IHR PROMPTDiese Übung nutzt eine edierte Fassung mit geprüftem Text. Bei einem Scan oder bei einer handschriftlichen Vorlage ist die Lage anders. Das System liest dann ein Bild und erzeugt daraus Text.
Ein allgemeines KI-System hält an einer unleserlichen Stelle nicht an. Es setzt ein plausibles Wort ein und markiert nichts. Die Fehlerrate der Handschriftenerkennung hängt stark von Schrift, Layout und Sprache ab (Romein u. a. 2025; Díez García u. a. 2025). Solche Fehler verändern jede spätere Auswertung (Strien u. a. 2020).
Vergleichen Sie deshalb jedes Zitat mit dem Digitalisat. Notieren Sie im Analyseprotokoll, ob der Text maschinell erkannt wurde. Der Abschnitt Fähigkeiten prüfen und einordnen erklärt diesen Punkt ausführlich.
Arbeitsauftrag (Reflexion)
Vergleichen Sie die Antwort der KI mit ihrer eigenen. Welche Unterschiede stellen Sie fest?
Gibt es systematische Verzerrungen (sowohl in Ihren als auch in den KI-generierten Antworten)?
Aufgabe 2a: Erste Forschungsheuristik ohne KI
Notieren Sie drei potenzielle Forschungsfragen, die prinzipiell mit dieser Quelle bearbeitbar wären (noch ohne Eingrenzung). Beispiele für Fragetypen:
- begriffsgeschichtlich (Neutralität als Argument)
- institutionsgeschichtlich (Aussenpolitische Entscheidungswege)
- wissensgeschichtlich (was gilt als „vereinbar“/„unvereinbar“?)
- politisch-kulturell (Erwartungen an Volksabstimmungen)
Aufgabe 2b: Dieselbe Forschungsheuristik mittels KI
Gib mir drei mögliche historische Forschungsfragen, die sich aus der angehängten Aktennotiz (Bern, 7.7.1949, Petitpierre/Hansen, Europarat) ableiten lassen.
Formuliere jede Frage so, dass sie (a) zeitlich eingrenzbar, (b) quellenbasiert prüfbar und (c) analytisch ist.
Nenne zu jeder Frage, welche zusätzlichen Quellengattungen ich zur Gegenprobe brauche.Arbeitsauftrag (Reflexion)
- Welche Ihrer drei Fragen hängt am stärksten an dieser spezifischen Quelle (hohe Quellenbindung)?
- Welche Frage ist am wenigsten quellenabhängig (würde auch mit anderen Quellen „ähnlich“ formuliert)?
- Welche Begriffe sind bereits interpretativ aufgeladen (z. B. „Neutralität“, „Europa“, „Vereinbarkeit“)?
2. Externe Quellenkritik: Authentizität, Provenienz, Überlieferung, Edition
Ziel
Klären, was dieses Dokument als Objekt ist, wie es überliefert wurde, und welche Editionsschicht zwischen Original und Ihnen liegt.
Aufgabe 1: Provenienz-Check (Metadaten & Archivbezug)
Erheben Sie (von der Dodis-Seite) und protokollieren Sie:
- Dokumenttyp/Gattung (Notiz, Protokoll, Bericht, Brief …)
- Datum/Uhrzeit, Ort
- Autor/Unterzeichner (hier: Max Petitpierre)
- Adressat:in(nen) bzw. Funktionsadressat (explizit/implizit)
- Archivsignatur (z. B. „E 2800(-)…“)
- Institutioneller Kontext (Departement, Kommissionen, beteiligte Organisationen)
- Tags/Personen/Organisationen/Geografie (als Editionsmetadaten)
Ergebnis: eine kleine Tabelle + 5–8 Zeilen „Editionsnotizen“ (Was liefert die Edition? Was bleibt offen?).
Aufgabe 2: Authentizität als Frageform
Formulieren Sie drei prüfbare Fragen zur Authentizität, z. B.:
- Handelt es sich um ein Original oder eine Abschrift/Redaktion?
- Gibt es Hinweise auf nachträgliche Bearbeitung (Kürzungen, Übersetzungen, redaktionelle Normalisierung)?
- Welche Teile sind Dokumenttext, welche editorische Ergänzung (Fussnoten/Verweise)?
Aufgabe 3: Überlieferung (Transmission) als epistemisches Problem
Rekonstruieren Sie eine plausible Überlieferungskette:
Entstehung → Ablage im Verwaltungsprozess → Archivierung → Erschliessung → Digitalisierung/Edition → Anzeige im Web
Notieren Sie an jeder Station:
- mögliche Verluste/Filter (Selektionslogik)
- mögliche Transformationspunkte (Redaktion, Klassifikation, Metadatenvergabe)
- mögliche Kontextverluste (fehlende Beilagen, fehlende Vorgeschichte)
Arbeitsauftrag (Reflexion)
- Welche Informationen stammen aus dem Dokumenttext (Primärtext), welche aus der Edition (Metadaten/Verlinkung)?
- Welche Teile Ihrer Einordnung wären ohne Dodis-Edition nicht möglich?
- Wo ist die Editionsschicht selbst eine Quelle (z. B. Kategorisierung, Tags, Auswahl)?
Aufgabe 4: Externe Kritik mittels KI
Analysiere die digital edierte Aktennotiz (Dodis 5020, Bern 7.7.1949) ausschliesslich unter dem Gesichtspunkt der externen Quellenkritik.
1) Identifiziere auf Basis der Metadaten:
- Dokumenttyp/Gattung
- Datum und Ort
- Autor/Unterzeichner
- institutionellen Kontext
- Archivsignatur und Überlieferungsform
2) Unterscheide strikt zwischen:
a) Informationen aus dem Dokumenttext
b) Informationen aus der Editions- und Metadatenschicht (Dodis)
3) Formuliere drei prüfbare Fragen zur Authentizität und Überlieferung.
Wichtig:
- Triff keine historischen Bewertungen.
- Markiere jede Aussage explizit als:
[Dokumenttext] / [Edition/Metadaten] / [Schlussfolgerung].Reflexionsauftrag
- Wo ergänzt die KI systematisch, wo halluziniert sie Überlieferungsannahmen?
- Welche Metadaten übernimmt sie korrekt, welche bleiben vage oder falsch?
- Inwiefern zwingt die explizite Kennzeichnung der Ebenen zu methodischer Klarheit?
3. Interne Quellenkritik: Aussageabsicht, Standpunkt, Argumentlogik, Bias
Ziel
Analysieren, wie der Text Bedeutung produziert: durch Auswahl, Formulierungen, implizite Prämissen, institutionelle Perspektive.
Aufgabe 1: Sprechakt- und Funktionsanalyse
Bestimmen Sie die Funktion der Notiz im Verwaltungskontext (plausibilisiert):
- Dokumentiert sie ein Ereignis „für die Akten“?
- Rechtfertigt sie eine Position gegenüber Dritten?
- Steuert sie interne Meinungsbildung?
- Markiert sie eine rote Linie (Neutralität als Stoppsignal)?
Ergebnis: 1 Absatz (6–10 Sätze), der Funktion und Adressierung argumentiert (mit Textbelegen).
Aufgabe 2: Argumentmapping (Neutralität als Schlüsseloperator)
Extrahieren Sie alle Passagen, die Neutralität, Vereinbarkeit oder Entscheidungsprozesse betreffen, und zerlegen Sie sie in:
- Behauptung (claim)
- Begründung (warrant)
- Voraussetzung (assumption)
- Implikation (so what)
Formatvorschlag (Markdown):
- Claim:
- Begründung:
- Voraussetzung:
- Implikation:
- Textbeleg (Zitat/Paraphrase):Aufgabe 3: Wissentliche vs. unwissentliche Aussageebene
Markieren Sie zwei Beispiele für:
- wissentliche Aussagen (gezielt adressierte Mitteilungen, Positionsdarstellung)
- unwissentliche Aussagen (Selbstverständlichkeiten, implizite Normen, institutionelle Routinen)
Leitfragen:
- Welche Selbstbilder der Schweiz werden vorausgesetzt (z. B. „absolutere Neutralität“)?
- Welche politischen Mechanismen gelten als erwartbar (Parlament, Volk, Kantone)?
- Welche Vergleichsfolie wird herangezogen (Schweden) und wofür?
Aufgabe 4: Bias als Struktur, nicht als „Fehler“
Analysieren Sie Perspektivenbegrenzungen:
- Welche Interessen und Zwänge hat der Autor als Departementschef?
- Welche Aspekte fehlen systematisch (z. B. juristische Dimensionen, internationale Reaktionen, innenpolitische Lager)?
- Welche Alternativdeutungen wären aus anderen Positionen plausibel (z. B. Parteipolitik, Wirtschaft, Presse)?
Arbeitsauftrag (Reflexion)
- Welche Ihrer Interpretationen sind textnah (belegbar), welche sind kontextabhängige Hypothesen?
- Welche Begriffe fungieren als Scharnier zwischen Text und Kontext (Neutralität, Vereinbarkeit, Volksabstimmung)?
Aufgabe 5: Interne Kritik mittels KI
Führe eine interne Quellenkritik der angehängten Aktennotiz (Bern, 7.7.1949, Petitpierre/Hansen) durch.
Analysiere getrennt:
1) Sprecherposition und institutionellen Standpunkt
2) Funktion und Intention der Notiz im Verwaltungskontext
3) Argumentationslogik rund um Neutralität und Entscheidungsprozesse
4) wissentliche vs. unwissentliche Aussageebenen
Regeln:
- Jede analytische Aussage muss mit einem konkreten Textbeleg
(kurzes Zitat oder präzise Paraphrase) versehen sein.
- Wenn kein Beleg vorliegt: explizit als „Hypothese“ markieren.
- Keine Kontextinformationen verwenden, die nicht im Text angelegt sind.Reflexionsauftrag
- Welche Interpretationen der KI sind textnah, welche spekulativ?
- Wo nivelliert die KI institutionelle Perspektiven zu allgemeinen Aussagen?
- Welche hermeneutischen Schritte bleiben auch hier nicht automatisierbar?
4. Kontextualisierung und Gegenprobe: Triangulation statt „Kontext als Dekor“
Ziel
Die Aussagekraft der Notiz durch vergleichende Einbettung prüfen: Was ist spezifisch? Was ist routiniert? Was ist strategisch?
Aufgabe 1: Intertextuelle Spurensuche (im Dokument angelegt)
Die Notiz verweist indirekt auf weitere Kontexte (z. B. Kommissionen, private föderalistische Netzwerke, Vergleich mit Schweden).
Erstellen Sie eine Recherche-Matrix (mind. 6 Zeilen):
| Spur im Text | Was genau suchen? | Erwartete Quellengattung | Wo suchen? | Zweck der Gegenprobe |
|---|
Beispiele für „Wo suchen?“ (als Kategorien, nicht als Vollständigkeit):
- weitere Dodis-Dokumente (Querverweise, Dossiers)
- Amtsdruckschriften (Botschaften, Berichte)
- Parlamentsprotokolle / Kommissionsprotokolle
- Zeitungen (Rezeption, Kontroverse)
- Akten zu privaten Komitees/Vereinen
Aufgabe 2: Kontrafaktische Gegenfrage (Kontrollinstrument)
Formulieren Sie zwei Gegenfragen, die die Notiz herausfordern:
- Was müsste ich finden, damit die These „Neutralität verhinderte den Beitritt“ zu grob wird?
- Was müsste ich finden, damit die Aussage zur Volksabstimmung als strategische Rhetorik statt als Prognose erscheint?
Arbeitsauftrag (Reflexion)
- Welche Art Kontext ist notwendig (um Behauptungen zu prüfen), und welcher ist nur plausibilisierend?
- Wo droht „Kontext“ zu einer nachträglichen Glättung zu werden?
Aufgabe 3: Recherche- und Gegenprobe-Planung mittels KI
Leite aus der Aktennotiz (Bern, 7.7.1949, Petitpierre/Hansen) einen systematischen Rechercheplan ab.
1) Nenne mindestens:
- 5 ergänzende Primärquellen (unterschiedliche Gattungen)
- 3 Typen von Sekundärliteratur
2) Ordne jede Quelle einer konkreten Prüfabsicht zu
(z. B. Bestätigung, Kontextualisierung, Widerlegung).
3) Formuliere zu jeder Quelle eine Leitfrage.
Vorgaben:
- Keine Aussagen über den tatsächlichen Inhalt dieser Quellen.
- Keine narrativen Synthesen.
- Fokus ausschliesslich auf Prüfschritte und Gegenproben.Reflexionsauftrag
- Welche Kontexte priorisiert die KI systematisch (Politik, Institutionen)?
- Welche Kontexte fehlen auffällig (z. B. Medien, Recht, Ökonomie)?
- Wo tendiert die KI dazu, „Kontext“ als Erklärung statt als Prüfmittel zu verwenden?
5. Evidenzwert und „Veto-Macht“: Was belegt die Quelle – und was nicht?
Ziel
Den Evidenzwert strikt relational bestimmen: Quelle × Forschungsfrage.
Aufgabe 1: Evidenz-Profil (Claim-Scope)
Erstellen Sie eine zweigeteilte Liste:
A. Gut gestützt (hohe Sicherheit) Aussagen, die die Notiz direkt trägt (mit Textbeleg).
B. Nicht gestützt / offen (Veto) Aussagen, die die Notiz nahelegt, aber nicht belegt – oder sogar ausschliesst.
Leitfragen:
- Was kann ich über die Position Petitpierres sagen – und was nicht?
- Was kann ich über die dänische Position sagen – und was bleibt unklar (z. B. Motive, interne Debatten)?
- Was sagt die Quelle über „die Schweiz“ – und wo ist das eine unzulässige Generalisierung?
Aufgabe 2: Mikro-Hypothesen mit Falsifikationspfad
Formulieren Sie zwei Mikro-Hypothesen (je 1 Satz), z. B.:
- „Neutralität fungiert 1949 als institutioneller Gatekeeper-Begriff, der eine Annäherung an den Europarat politisch blockiert.“
- „Die Referendums-/Volksabstimmungsreferenz dient als Legitimationsargument gegenüber ausländischen Gesprächspartnern.“
Für jede Hypothese:
- Welche zusätzliche Quelle könnte sie stützen?
- Welche Quelle/Beobachtung würde sie widerlegen?
Aufgabe 3: Evidenzprofil mittels KI
Erstelle auf Basis der Aktennotiz zwei getrennte Listen:
A) Aussagen, die der Text direkt und eindeutig stützt.
B) Aussagen, die der Text nicht stützt, nur nahelegt oder implizit ausschliesst.
Für jede Aussage:
- kurzer Textbeleg oder Paraphrase
- Einstufung: sicher / wahrscheinlich / spekulativ
- Begründung der Einstufung
Zusatz:
Formuliere für zwei Aussagen aus Liste B je einen
konkreten Falsifikationspfad (welche Quelle müsste was zeigen?).Reflexionsauftrag
- Wo ist die KI überraschend restriktiv, wo zu grosszügig?
- Welche Aussagen erscheinen „plausibel“, werden aber korrekt vetoisiert?
- Wie verändert die explizite A/B-Trennung den eigenen Interpretationsdrang?
Arbeitsauftrag (Reflexion)
- Welche Aussage „würde man gern machen“, aber die Quelle erlaubt sie nicht?
- Wo ist die Grenze zwischen Interpretation und Behauptung?
6. Dokumentation & Reflexion: Reproduzierbarkeit, KI-Protokoll
Ziel
Quellenkritik als dokumentierte Methode: nachvollziehbar, überprüfbar, wiederverwendbar.
Aufgabe 1: Analyseprotokoll (Minimalstandard)
Das Analyseprotokoll dokumentiert die Quelle, nicht Ihre KI-Nutzung. Ihre KI-Nutzung halten Sie getrennt davon im KI-Protokoll fest.
Legen Sie ein kurzes Protokoll an:
- Vollzitat/Permalink der Quelle
- Datum des Zugriffs
- Version/Anzeigeform (HTML, PDF, Export)
- Ihre Forschungsfrage (Arbeitsversion)
- Externe Kritik (Stichpunkte)
- Interne Kritik (Stichpunkte)
- Evidenzprofil (A/B-Liste)
- Offene Fragen & nächste Rechercheschritte
Aufgabe 2: KI-Protokoll (mindestens 6 Einträge)
Notieren Sie:
- Welche Prompts haben Sie verwendet (wörtlich)?
- Welche Antworten waren hilfreich (und warum)?
- Wo traten Verkürzungen/Übergeneralisierungen auf?
- Welche Schritte blieben unvermeidlich menschliche Entscheidungen (z. B. Auswahl der Forschungsfrage, Gewichtung von Evidenz, Kontextentscheidungen)?
Eine gute Quellenkritik ist nicht die, die „alles erklärt“, sondern die, die Grenzen und Prüfschritte sichtbar macht: Was ist belegt? Was ist hypothetisch? Was müsste als Nächstes geprüft werden?
Lernergebnis
Am Ende verfügen Sie über:
- eine begründete externe und interne Quellenkritik zu Dodis 5020,
- ein Evidenzprofil (inkl. Veto-Punkten) in Relation zu einer Forschungsfrage,
- einen Rechercheplan zur Kontext- und Gegenprobe,
- ein reproduzierbares Analyseprotokoll (inkl. strukturierter Claim-Extraktion),
- ein KI-Protokoll mit mindestens 6 Einträgen,
- eine reflektierte Einschätzung, wo KI Exploration unterstützt und wo sie methodisch zu begrenzen ist.
Weiterführende Ressourcen
- Ranke.2: Wikipedia als historische Quelle – Provenienz, Revisionsgeschichten und digitale Quellenkritik.
- Knowing Machines: Models All the Way Down – Kritik an Trainingsdaten und ihre Parallelen zur Quellenkritik.
- Stark (2023) – Liest maschinelles Lernen als konjekturale Wissenschaft, die aus Spuren schliesst; diskutiert die epistemologischen Risiken automatisierter Mustererkennung.
- Lang und Suárez Cronauer (2026) – Ethische Datenarbeit in den (digitalen) Geisteswissenschaften; relevant für Datenprovenienz und Datensatzdokumentation.
Bibliographie
Zitat
@inreference{mähr2025,
author = {Mähr, Moritz},
title = {Quellenkritik},
booktitle = {Critical AI Literacy für Historiker:innen},
date = {2025-12-29},
url = {https://maehr.github.io/critical-ai-literacy-for-historians/de/exercises/quellenkritik-bundesrat-europarat-1949.html},
langid = {de}
}