Wissenschaftliches Schreiben
Rollenbasiertes Übungsset entlang des Schreibprozesses
Überblick und didaktisches Ziel
Diese Übung trainiert den kritischen Einsatz generativer KI als Schreibassistent in mehreren klar abgegrenzten Rollen. Die Rollen sind so angeordnet, dass sie einem typischen wissenschaftlichen Schreibprozess entsprechen: Problem klären → Ideen entwickeln → strukturieren → entwerfen → revidieren → finalisieren.
Ziel ist nicht, Textproduktion zu «automatisieren», sondern Entscheidungsqualität zu erhöhen: bessere Fragestellungen, konsistentere Argumente, präzisere Sprache – bei gleichzeitiger Nachvollziehbarkeit der Autor:innenschaft und der verwendeten Evidenz.
Auf einen Blick
| Angabe | Wert |
|---|---|
| Dauer | ca. 45 bis 60 Minuten |
| Niveau | Beginner |
| Kernpfad | 1 → 2 → 3 → 4 → 6 → 8 |
| Optionale Vertiefung | 5 (Blockaden), 7 (Stil und Übersetzung), 9 (Lesbarkeitstest) |
| Abgabe (Minimum) | Ein überarbeiteter Textabschnitt. KI-Protokoll: 6 Einträge. |
Der Kernpfad führt Sie in 45 bis 60 Minuten zu einem überarbeiteten Text. Jede optionale Vertiefung kostet ca. 15 Minuten zusätzlich. Führen Sie pro Schritt des Kernpfads einen Eintrag im KI-Protokoll.
Was Sie brauchen
Fachliches Wissen
- Grundverständnis historischer Forschungsmethoden
- Basiskenntnisse im Umgang mit generativer KI, insbesondere Prompting
Falls Sie noch nicht mit Prompting vertraut sind, empfehlen wir die Übung Prompt Engineering zuerst zu durchlaufen.
Fähigkeiten des KI-Systems
Das System muss die zwei folgenden Dinge können:
- Nur mit dem Material arbeiten, das Sie ihm geben. Sie prüfen diese Vorgabe in jedem Schritt.
- Eine Antwort in einem Format liefern, das Sie vorgeben, zum Beispiel als Gliederung.
Diese Übung braucht weder eine Websuche noch einen Datei-Upload. Ein kostenloses Konto genügt.
Weitere Werkzeuge und Zugänge
- Ein eigenes Themenfragment, zum Beispiel aus einer Seminararbeit. Ein Textabschnitt von einer halben bis einer Seite genügt.
- Eigene Stichpunkte oder Notizen zum Thema, mindestens 10 Punkte.
- Eine Datei für Ihr KI-Protokoll.
Sie können jede Übung mit KI-Systemen von unterschiedlichen Herstellern durchführen. Was ein System kann, hängt vom Produkt und von Ihrem Konto ab. Klären Sie deshalb vor dem Start die fünf folgenden Punkte.
Kosten
Ein kostenloses Konto genügt für kurze Textaufgaben. Für einige Fähigkeiten brauchen Sie ein kostenpflichtiges Konto. Das betrifft meist die Suche im Web, das Lesen langer Dateien und den eingebauten Denkmodus. Prüfen Sie zuerst, ob Ihre Hochschule einen Zugang bereitstellt.
Werkzeuge
Prüfen Sie, welche Werkzeuge Ihr Konto freischaltet. Kann das System im Web suchen? Kann es eine hochgeladene Datei lesen? Kann es externe Dienste aufrufen? Die Übung nennt die Fähigkeiten, die sie voraussetzt.
Der Abschnitt Fähigkeiten prüfen und einordnen erklärt fünf neuere Fähigkeiten. Er beschreibt auch, was jede Fähigkeit für Ihre Quellenarbeit bedeutet.
Speicher
Manche Systeme übernehmen Angaben aus früheren Sitzungen oder aus einem Projektkontext. Prüfen Sie die Einstellungen zu Speicher, Projekten und Chatverlauf. Eine neue Sitzung garantiert deshalb keinen leeren Kontext.
Konto: institutionell oder privat
Prüfen Sie, mit welchem Konto Sie arbeiten. Die Regeln unterscheiden sich in drei Punkten.
| Punkt | Konto Ihrer Institution | Privates Konto |
|---|---|---|
| Vertrag | Ihre Hochschule schliesst ihn ab und haftet mit. | Sie schliessen ihn selbst ab und haften allein. |
| Training | Ein Vertrag schliesst die Nutzung Ihrer Eingaben oft aus. | Viele Anbieter nutzen Eingaben für das Training. |
| Erlaubtes Material | Die Hochschule regelt, welche Daten Sie eingeben dürfen. | Sie haben keine solche Regel und tragen das Risiko selbst. |
Fragen Sie die IT-Stelle oder die Bibliothek Ihrer Hochschule, wenn Sie die Regeln nicht finden. Halten Sie die Antwort in Ihrem KI-Protokoll fest.
Laden Sie kein Material hoch, über das Sie nicht verfügen dürfen. Ein Upload verlässt Ihren Rechner und Sie können ihn nicht zurückholen.
Diese Materialien bleiben ausserhalb des KI-Systems:
- Personenbezogene Daten lebender Personen, zum Beispiel aus Interviews, aus Nachlässen oder aus Beständen mit Schutzfrist.
- Digitalisate, deren Nutzungsbedingungen eine Weitergabe untersagen.
- Unveröffentlichte Texte anderer Personen, zum Beispiel Manuskripte oder Gutachten.
- Lizenzpflichtige Volltexte, wenn die Lizenz Ihrer Bibliothek eine Weitergabe untersagt.
Im Zweifel arbeiten Sie mit einem kurzen Auszug oder mit einer anonymisierten Fassung. Sie können auch ein lokales Modell verwenden, denn dabei bleibt das Material auf Ihrem Rechner.
Recht: Datenschutz und Kennzeichnung
Zwei Rechtsgebiete betreffen Ihre Arbeit direkt. Dieser Abschnitt gibt eine Orientierung und keine Rechtsberatung.
Datenschutz. In der EU gilt die Datenschutz-Grundverordnung, in der Schweiz das revidierte Datenschutzgesetz (Verordnung (EU) 2016/679 zum Schutz natürlicher Personen bei der Verarbeitung personenbezogener Daten (Datenschutz-Grundverordnung) 2016, Bundesgesetz über den Datenschutz (DSG) 2020). Beide Gesetze schützen personenbezogene Daten lebender Personen. Verbindlich ist der Gesetzestext selbst. Artikel 6 DSGVO verlangt für jede Verarbeitung eine Rechtsgrundlage, und ein Upload ist eine Verarbeitung.
Die Rolle des Anbieters entscheidet über die Einordnung. Ein Anbieter kann als Auftragsverarbeiter handeln und Ihre Daten nur in Ihrem Auftrag verarbeiten. Artikel 4 Nummer 10 DSGVO zählt einen Auftragsverarbeiter ausdrücklich nicht zu den Dritten. Diese Rolle setzt jedoch einen Vertrag nach Artikel 28 DSGVO voraus. Ohne einen solchen Vertrag verwendet ein Anbieter Ihre Eingaben für eigene Zwecke. Ein Upload ist deshalb nicht immer eine Weitergabe an Dritte, aber ohne Vertrag müssen Sie davon ausgehen. Prüfen Sie den Vertrag, der für Ihr Konto gilt.
Für die Forschung gelten Auflagen, aber keine Freistellung. Artikel 89 Absatz 1 DSGVO verlangt geeignete Garantien, zum Beispiel Datenminimierung und Pseudonymisierung. Artikel 89 Absatz 2 DSGVO erlaubt dem Gesetzgeber Ausnahmen von einzelnen Rechten der betroffenen Personen. Auch die Information der betroffenen Personen kann entfallen, nämlich nach Artikel 14 Absatz 5 Buchstabe b DSGVO. Das gilt aber nur, wenn die Information unmöglich ist oder einen unverhältnismässigen Aufwand erfordert. Forschung befreit Sie also nicht allgemein von der Informationspflicht. Klären Sie Ihren Einzelfall mit der Datenschutzstelle Ihrer Hochschule.
Der Europäische Datenschutzausschuss hat 2026 einen Leitfaden zur Forschung vorgelegt (European Data Protection Board 2026). Dieser Leitfaden stand bis Juni 2026 in der öffentlichen Konsultation. Er ist deshalb kein geltendes Recht, sondern eine Auslegungshilfe. Für verstorbene Personen gelten die Schutzfristen und die Benutzungsordnung des Archivs.
Kennzeichnung. Die KI-Verordnung der EU regelt die Transparenz erzeugter Inhalte (Verordnung (EU) 2024/1689 zur Festlegung harmonisierter Vorschriften für künstliche Intelligenz (Verordnung über künstliche Intelligenz) 2024). Artikel 50 gilt seit dem 2. August 2026. Er unterscheidet zwei Adressaten: den Anbieter eines KI-Systems und den Betreiber. Betreiber sind Sie, sobald Sie ein KI-System beruflich einsetzen. Bei rein privater Nutzung sind Sie nach Artikel 3 Nummer 4 kein Betreiber.
Als Betreiber treffen Sie zwei getrennte Pflichten aus Artikel 50 Absatz 4.
- Deepfake. Erzeugt oder verändert ein KI-System ein Bild, eine Tonaufnahme oder ein Video, und ist der Inhalt ein Deepfake, dann legen Sie das offen. Ein Deepfake ähnelt nach Artikel 3 Nummer 60 wirklichen Personen, Orten oder Ereignissen und wirkt fälschlich echt. Ein erzeugtes Bild ohne diesen Wirklichkeitsbezug fällt nicht unter diese Pflicht.
- Text zu öffentlichen Fragen. Veröffentlichen Sie erzeugten Text, um die Öffentlichkeit über eine Angelegenheit von öffentlichem Interesse zu informieren, dann legen Sie das offen. Die Pflicht entfällt, wenn eine Person den Text geprüft hat und die redaktionelle Verantwortung für die Veröffentlichung trägt.
Artikel 50 Absatz 4 verlangt also keine Kennzeichnung für jedes erzeugte Bild und für jeden erzeugten Text. Artikel 50 Absatz 2 richtet sich dagegen an den Anbieter. Der Anbieter muss erzeugte Inhalte maschinenlesbar kennzeichnen. Diese Pflicht liegt nicht bei Ihnen, und sie ersetzt Ihre eigene Offenlegung nicht.
Die rechtliche Kennzeichnung und die wissenschaftliche Offenlegung sind zwei getrennte Pflichten. Ihre Hochschule verlangt eine Deklaration auch dann, wenn das Gesetz keine Kennzeichnung fordert. Die Übung Zitieren zeigt, wie Sie Ihre KI-Nutzung ausweisen.
Halten Sie Ihre Antworten auf diese fünf Punkte fest. Sie gehören zur Beschreibung Ihrer Arbeitsumgebung.
Lernziele
- Antworten als Hypothesen/Entwürfe behandeln und systematisch prüfen.
- Prompts so gestalten, dass KI nicht ‘erfindet’, sondern mit bereitgestelltem Material arbeitet.
- Eine Argumentationsstruktur (These–Belege–Schluss) entwerfen und auf Konsistenz testen.
- Absätze aus eigenen Stichpunkten generieren und anschliessend fachlich/terminologisch revidieren.
- Die Revision in zwei Schritten durchführen: zuerst Logik und Verständlichkeit, dann Sprache und Stil.
- Den eigenen KI-Einsatz transparent dokumentieren (KI-Protokoll).
Methodischer Rahmen: KI als Schreibinfrastruktur
In dieser Übung wird KI als heuristisches Schreibwerkzeug verstanden: Sie unterstützt bei Formulierungen, Strukturierung und Prüfung, ersetzt aber weder Quellenarbeit noch interpretative Entscheidungen. (Bender u. a. 2021; Campbell 2025; Oberbichler und Petz 2025) Methodisch hilfreich ist eine klare Arbeitsteilung:
- Geschichtswissenschaftliche Autor:innenschaft: Fragestellung, Evidenzwahl, Interpretation, normative Setzungen.
- KI-Beitrag (instrumentell): Varianten generieren, Strukturvorschläge, Lesbarkeitstests, Fehlerdiagnose.
- Prüfverfahren (obligatorisch): Jede KI-Aussage muss entweder (a) auf Ihr Input-Material rückführbar oder (b) als Hypothese gekennzeichnet und extern verifiziert sein. (The Turing Way Community 2022)
Für verlässlicheres Arbeiten nutzen Sie konsequent zwei Prompt-Prinzipien: 1. Eingrenzung des Arbeitsraums («arbeite nur mit meinen Stichpunkten; markiere Unsicherheiten»). 2. Formatierte Antworten (Listen/Argumentmaps), damit Sie systematisch prüfen und selektiv übernehmen können.
Nutzen Sie KI nur als Transformations- und Prüfwerkzeug für Ihr Material (Notizen, Quellenexzerpte, Literaturzusammenfassungen, Gliederungsentwürfe). Wenn KI zusätzliche Fakten, Literatur oder Quellen nennt, gilt das als Recherche-Hypothese, die Sie extern verifizieren müssen.
Ein KI-Protokoll ist eine kurze Dokumentation Ihrer KI-Nutzung. Sie halten in jedem Eintrag fest: welches Material Sie eingegeben haben, was Sie gefragt haben, was die KI geantwortet hat, wie Sie die Antwort geprüft haben und wie Sie entschieden haben.
Das KI-Protokoll funktioniert wie ein Forschungsjournal. Der Weg zum Ergebnis bleibt nachvollziehbar, für Ihre Leserinnen und Leser und für Sie selbst. Sie brauchen das Protokoll später für den Methodenteil und für die Offenlegung der KI-Nutzung.
In der englischsprachigen Literatur heisst dieses Protokoll Audit Trail. Der Begriff stammt aus der Buchprüfung. Eine Prüferin folgt dort einer Spur von Belegen und verfolgt jede Zahl bis zu ihrem Ursprung zurück. Ihr Protokoll leistet dasselbe für Ihre Arbeitsschritte. In den Übungen verwenden wir nur den Begriff KI-Protokoll.
Schreiben Sie den Eintrag direkt nach dem Arbeitsschritt, nicht am Ende der Übung. Nach einer Stunde kennen Sie den genauen Wortlaut Ihres Prompts nicht mehr.
Wo Sie das Protokoll führen
Sie brauchen kein besonderes Werkzeug. Eine Textdatei oder ein Dokument in Ihrer Textverarbeitung genügt. Auch eine Tabelle in einem Tabellenprogramm ist möglich.
- Legen Sie pro Übung eine Datei an.
- Geben Sie der Datei einen klaren Namen, zum Beispiel
ki-protokoll_quellenkritik.md. - Schreiben Sie jeden Eintrag untereinander in dieselbe Datei.
- Speichern Sie die Datei zusammen mit Ihrer Abgabe.
Wie lang ein Eintrag ist
Ein Eintrag ist kurz. Er umfasst fünf bis zehn Zeilen und kostet Sie ein bis zwei Minuten. Ein Eintrag deckt einen Arbeitsschritt ab, also einen Prompt und die dazugehörige Antwort.
Für den Prompt und für die Antwort gelten unterschiedliche Regeln:
- Prompt: wörtlich. Kopieren Sie den Prompt genau so, wie Sie ihn eingegeben haben. Ist der Prompt sehr lang, kopieren Sie den Kernausschnitt und kürzen Sie mit
[…]. - Antwort: zusammengefasst. Fassen Sie die Antwort in zwei bis drei Sätzen zusammen. Kopieren Sie eine Stelle nur dann wörtlich, wenn Sie diese Stelle in Ihren Text übernehmen oder wenn Sie einen Fehler der KI belegen wollen.
Wie viel eine Übung verlangt, steht in der jeweiligen Übung. Manche Übungen nennen eine Zahl von Einträgen, andere einen Umfang in Wörtern. Nennt eine Übung nichts, führen Sie für jeden Arbeitsschritt mit KI einen Eintrag.
Vorlage für einen Eintrag
Kopieren Sie diese Tabelle für jeden Eintrag neu.
| Feld | Inhalt |
|---|---|
| Datum | |
| Schritt (Übung, Nummer) | |
| Ziel (1 Satz) | |
| Material (Input) | |
| Prompt (wörtlich) | |
| Antwort (Kurzfassung) | |
| Prüfschritte | |
| Entscheidung | |
| Begründung (1 Satz) |
Wenn Sie in Markdown schreiben, kopieren Sie diesen Quelltext:
| Feld | Inhalt |
| ----------------------- | ------ |
| Datum | |
| Schritt (Übung, Nummer) | |
| Ziel (1 Satz) | |
| Material (Input) | |
| Prompt (wörtlich) | |
| Antwort (Kurzfassung) | |
| Prüfschritte | |
| Entscheidung | |
| Begründung (1 Satz) | |Eine Liste mit denselben Feldern ist ebenso gültig. Wählen Sie die Form, die Sie schneller ausfüllen.
Ein ausgefüllter Eintrag als Beispiel
Das Beispiel stammt aus der Übung Quellenkritik. Eine Studentin prüft dort eine Aktennotiz vom 7. Juli 1949.
| Feld | Inhalt |
|---|---|
| Datum | 14. März 2026, 10:15 |
| Schritt (Übung, Nummer) | Quellenkritik, Schritt 2 (externe Quellenkritik) |
| Ziel (1 Satz) | Ich prüfe, ob die KI die formalen Angaben zur Aktennotiz korrekt aus dem Text ableitet. |
| Material (Input) | Aktennotiz Bern, 7.7.1949, Petitpierre/Hansen (Dodis 5020), Volltext aus der Edition in den Prompt kopiert. |
| Prompt (wörtlich) | «Analysiere die folgende Aktennotiz ausschliesslich unter dem Gesichtspunkt der externen Quellenkritik. Nenne Verfasser, Adressat, Datum, Textsorte und Überlieferungsform. Markiere jede Angabe, die nicht im Text steht, ausdrücklich als Vermutung. […]» |
| Antwort (Kurzfassung) | Die KI nennt Petitpierre als Verfasser, Hansen als Gesprächspartner und den 7.7.1949 als Datum. Sie bezeichnet den Text als «Protokoll einer Bundesratssitzung». Sie ergänzt ohne Kennzeichnung, die Notiz liege «im Bundesarchiv unter der Signatur E 2001». |
| Prüfschritte | Ich habe alle Angaben mit der Edition auf https://dodis.ch/5020 verglichen. Verfasser, Datum und Gesprächspartner stimmen mit dem Text überein. Die Textsorte stimmt nicht: Der Text hält ein Gespräch fest, er protokolliert keine Sitzung. Die Signatur steht nirgends im Material. |
| Entscheidung | Teilweise übernommen. |
| Begründung (1 Satz) | Ich übernehme Verfasser, Datum und Gesprächspartner, ich korrigiere die Textsorte zu «Aktennotiz», und ich verwerfe die Signatur als unbelegt. |
Der Eintrag zeigt den Normalfall: Ein Teil der Antwort ist brauchbar, ein Teil ist falsch, und ein Teil ist unbelegt.
Beachten Sie die dritte Kategorie. Die Studentin behauptet nicht, die Signatur sei erfunden. Sie hält nur fest, was sie prüfen kann: Die Signatur steht nicht im Material. Ob es den Bestand gibt, ist eine andere Frage. Sie können eine Angabe erst dann als falsch bezeichnen, wenn Sie sie geprüft haben. Bis dahin ist sie unbelegt. Diese Unterscheidung ist der Kern der Quellenkritik, und sie gilt auch gegenüber der KI.
Struktur der Übung
Die Rollen sind zu Phasen gebündelt. Sie können einzelne Schritte überspringen. Der Kernpfad im Abschnitt «Auf einen Blick» führt Sie durch eine vollständige Runde bis zur Revision.
- Verständnischecker (Auftrag klären, blinde Flecken identifizieren)
- Brainstorming-Partner + Devil’s Advocate (Ideenraum öffnen + Gegenargumente)
- Strukturierer:in (Argumentationsarchitektur)
- Text aus Stichpunkten (Drafting unter Faktendisziplin)
- Blockaden-Löser (lokale Schreibprobleme/Übergänge)
- Logik-Prüfer (Kohärenz, Belege, Schlussregeln)
- Korrektorat + Übersetzer (Stil/Grammatik/Register; optional Mehrsprachigkeit)
- Abstract-Schreiber (Kompression, Fokus, «So what?»)
- Verständnischecker (Re-Run) (Lesbarkeit aus Zielpublikumsperspektive)
1. Verständnischecker
Ziel
Den Schreibauftrag und die eigene Argumentationsabsicht so präzise machen, dass spätere KI-Schritte nicht «ausweichen» oder falsche Prämissen stabilisieren.
Aufgabe
- Geben Sie KI nur Folgendes: Thema in 2–3 Sätzen, Kontext (Kurs/Genre), Zielpublikum, Umfang, Abgabeformat.
- Lassen Sie KI Rückfragen stellen und Unsicherheiten markieren.
Prompt-Gerüst
Du bist Verständnischecker. Stelle mir 8–12 präzise Rückfragen, um Schreibauftrag und Argumentationsziel zu klären.
Markiere:
(1) fehlende Informationen,
(2) implizite Annahmen,
(3) Begriffe, die operativ definiert werden müssen.
Keine Vorschläge für Inhalte, nur Fragen und Diagnose.
Kontext: …
Thema/These (vorläufig): …
Genre/Umfang: …
Zielpublikum: …Kritischer Abgleich
- Welche Rückfragen zwingen Sie zu Begriffsklärungen (z.B. «Modernisierung», «Neutralität», «Governance»)?
- Welche Fragen würden Sie anders priorisieren – und warum?
Ergebnis:
- 1 revidierter Auftrag (3–5 Sätze)
- 3 definierte Kernbegriffe
2. Brainstorming-Partner + Devil’s Advocate
Ziel
Ideen generieren, ohne Evidenz zu erfinden, und sofort Gegenargumente/Alternativdeutungen mitdenken.
Aufgabe A: Brainstorming (ideenorientiert, evidenzneutral)
Rolle: Brainstorming-Partner. Generiere 12 mögliche Argumentlinien/Hypothesen zu meinem Thema.
Bedingungen:
- Formuliere jede Linie als überprüfbare Behauptung (keine Facts).
- Gib zu jeder Linie: welche Art von Evidenz ich bräuchte (Quellentypen/Literaturtypen).
- Vermeide konkrete Literaturtitel oder Archivsignaturen; wenn nötig, formuliere als Suchheuristik.
Mein Thema: …
Mein Material (nur Typen, keine sensiblen Inhalte): …Aufgabe B: Devil’s Advocate (konfrontativ, aber produktiv)
Rolle: Devil’s Advocate. Wähle die 3 plausibelsten meiner Hypothesen und argumentiere jeweils dagegen.
Für jedes Gegenargument:
- Benenne die verletzliche Annahme.
- Schlage einen «Stress-Test» vor (welcher Befund würde mein Argument kippen?).
- Formuliere eine alternative Deutung (max. 2 Sätze).
Nutze keine externen Fakten.
Hypothesen: …Kritischer Abgleich
- Welche Hypothesen sind falsifizierbar (im Sinne klarer Widerlegungsbedingungen)?
- Wo droht Presentismus (Gegenwartskategorien in die Vergangenheit projizieren)?
Ergebnis:
- 1 priorisierte Hypothese oder These
- 2 zentrale Gegenargumente
- 1 geplanter Stress-Test
3. Strukturierer:in
Ziel
Eine überprüfbare Argumentationskette entwerfen (These → Unterthesen → Belege → Schluss), bevor Text generiert wird.
Aufgabe
Setzen Sie im folgenden Prompt Ihre eigene Wortzahl ein. Das Beispiel nennt 3000 Wörter.
Rolle: Strukturierer:in.
Erstelle eine Gliederung (max. 8 Hauptpunkte) für einen Text von ca. 3000 Wörtern.
Für jeden Punkt:
- Ziel des Abschnitts (1 Satz)
- zentrale Behauptung (1 Satz)
- benötigte Evidenz (Stichworte; «aus meinen Notizen/Quellen»)
- Übergang zum nächsten Punkt (1 Satz)
Vorgaben:
- Keine neuen Fakten.
- Wenn Evidenz fehlt: markiere als [EVIDENZLÜCKE] statt zu ergänzen.
Material (Stichpunkte/Notizen): …Qualitätscheck
- Enthält jede Behauptung eine Evidenzspur (mindestens als Platzhalter)?
- Gibt es Abschnitte, die nur «Überblick» liefern, aber keine argumentative Funktion haben?
Ergebnis:
- 1 Gliederung
- 2–3 markierte Evidenzlücken
4. Text aus Stichpunkten
Ziel
Aus eigenem Material Absätze formulieren lassen, ohne inhaltliche Kontrolle abzugeben.
Aufgabe
Wählen Sie einen Gliederungspunkt (z.B. «Hauptargument 1») und liefern Sie 8–12 Bullet Points (Belege, Beobachtungen, Zitate/Paraphrasen, Begriffe).
Rolle: Textgenerator aus Stichpunkten.
Schreibe einen Absatz (120–180 Wörter) in akademischem Deutsch.
Bedingungen:
- Verwende ausschliesslich Informationen aus meinen Stichpunkten.
- Keine neuen Beispiele, Daten, Namen, Quellen.
- Wenn ein Satz zusätzliche Information bräuchte: [UNSICHER] markieren.
- Behalte meine Terminologie; frage nach, wenn unklar.
Stichpunkte: …Kritischer Abgleich
- Streichen Sie alle Sätze, die nicht direkt auf Ihre Stichpunkte rückführbar sind.
- Prüfen Sie Terminologie: Wo glättet KI Begriffe (z.B. «Staat», «Gesellschaft», «Akteur») unzulässig?
Ergebnis:
- 1 Absatz
- 1 zweite Version des Absatzes, in der Sie 3–5 Sätze eigenständig präzisiert haben
5. Blockaden-Löser
Ziel
Lokale Probleme lösen (Übergänge, Einstiegssätze, Begriffsdefinitionen), ohne den Text «neu schreiben» zu lassen.
Mikro-Übungen (wählen Sie 2)
A) Übergang bauen
Rolle: Blockaden-Löser.
Formuliere 5 Varianten für einen Übergangssatz zwischen Absatz A und B.
Variante 1 neutral, 2 stärker argumentativ, 3 stärker erklärend, 4 knapper, 5 mit Kontrastmarker.
Absatz A: …
Absatz B: …B) Definition operationalisieren
Ersetzen Sie im folgenden Prompt den Begriff «Neutralität» durch Ihren eigenen Begriff.
Formuliere 3 mögliche Arbeitsdefinitionen für den Begriff «Neutralität» im Kontext meines Themas.
Für jede Definition:
- Abgrenzung zu 1 Nachbarbegriff
- 1 beobachtbares Indiz (woran erkenne ich «Neutralität» in Quellen?)
Keine externen Fakten.
Kontext: …C) Satzdiagnose
Markiere in meinem Absatz:
- den zentralen Satz (topic sentence),
- Sätze mit unklarem Referent («dies», «dabei», «man»),
- Sätze, die eigentlich zwei Behauptungen enthalten.
Schlage minimale Umstellungen vor (keine Umschreibung des Inhalts).
Text: …Ergebnis:
- 1 überarbeiteter Übergang oder 1 überarbeitete Definition
- 1 kurze Begründung, warum Sie diese Variante gewählt haben
6. Logik-Prüfer
Ziel
Argumentationslogik sichtbar machen: Stützen Belege die Behauptungen? Sind Schlussregeln nachvollziehbar? Wo fehlen Prämissen?
Aufgabe
Rolle: Logik-Prüfer.
Analysiere meinen Text (max. 300 Wörter) als Argumentmap:
1) Hauptthese
2) Unterthesen
3) explizite Belege (aus dem Text)
4) implizite Prämissen (die ich offenbar voraussetze)
5) mögliche logische Sprünge oder Widersprüche
Gib dann 5 konkrete Revisionsempfehlungen, priorisiert nach Wirkung.
Text: …Kritischer Abgleich
- Welche «impliziten Prämissen» akzeptieren Sie – welche müssen belegt oder umformuliert werden?
- Wo sind Kausalbehauptungen eigentlich nur zeitliche Abfolge?
Ergebnis:
- 1 Argumentmap
- 2 gezielte Revisionen im Text, mit einer Markierung, was sich logisch verbessert
7. Korrektorat + Übersetzer
Ziel
Sprache und Register verbessern, ohne die argumentative Substanz zu verändern; optional Terminologie konsistent in eine zweite Sprache übertragen.
Aufgabe A: Korrektorat (minimal-invasiv)
Rolle: Korrektorat.
Verbessere Grammatik, Stil und Präzision, aber ändere keine inhaltlichen Aussagen.
Arbeite minimal-invasiv:
- Ersetze vage Wörter (z.B. «wichtig», «zeigt») nur, wenn eindeutig.
- Erhalte Fachtermini; wenn unsicher: [TERM?] markieren.
Gib am Ende eine Liste der 5 häufigsten Musterfehler, die du korrigiert hast.
Text: …Aufgabe B: Übersetzen (optional)
Rolle: Übersetzer.
Übersetze den Text ins Englische (oder Französische/Spanische).
Bedingungen:
- Bewahre Register (akademisch) und Hedge-Marker (z.B. «könnte», «legt nahe»).
- Erhalte Eigennamen und Zitate unverändert.
- Gib eine Mini-Glossar-Tabelle (5–10 Termpaare) für Schlüsselbegriffe.
Text: …
Zielsprache: …Ergebnis:
- 1 korrigierte Version
- optional: 1 Übersetzung
- optional: 1 Glossar
8. Abstract-Schreiber
Ziel
Den Text auf seine tragende Aussage verdichten: Forschungsproblem, Vorgehen, Befund/Argument, Relevanz.
Aufgabe
Rolle: Abstract-Schreiber.
Schreibe ein Abstract mit 120–160 Wörtern.
Muss enthalten:
- Forschungsproblem (1 Satz)
- Ansatz/Material (1 Satz)
- Kernargument/Befund (2–3 Sätze)
- Beitrag/Relevanz («so what?») (1 Satz)
Keine neuen Fakten; wenn unklar: [UNKLAR] markieren.
Textbasis: …Qualitätscheck
- Deckt das Abstract die tatsächliche Argumentationsspitze ab oder nur den Themenbereich?
- Entspricht die behauptete Methode dem, was Sie wirklich tun (Quellenarbeit vs. Literaturdiskussion)?
Ergebnis:
- 1 Abstract
- 1 Meta-Kommentar in 2 Sätzen: Was hat die KI fälschlich betont oder ausgelassen?
9. Verständnischecker (Re-Run)
Ziel
Lesbarkeit und Interpretationsspielräume aus Sicht des Zielpublikums testen.
Aufgabe
Rolle: Verständnischecker.
Lies meinen Text als kritische:r Leser:in im Seminar.
1) Was ist die These in einem Satz?
2) Welche 3 Punkte sind unklar oder missverständlich (jeweils mit Zitatstelle)?
3) Welche Stelle wirkt unbelegt?
4) Welche zwei Fragen würdest du mir im Feedback stellen?
Text: …Ergebnis:
- 3 präzisierte Stellen im Text, je 1–2 Sätze überarbeitet
Lernergebnis
Am Ende haben Sie ein kleines Paket an Artefakten, das wissenschaftlich weiterverwendbar ist:
- Gliederung (mit Evidenzlücken)
- 1–3 überarbeitete Absätze (mit nachvollziehbaren Revisionen)
- Argumentmap (Logikprüfung)
- Abstract (und optional Übersetzung + Glossar)
- KI-Protokoll mit mindestens 6 Einträgen
Weiterführende Ressourcen
- AI Pedagogy Project: LLM Tutorial – Grenzen, Halluzinationen, Verifikation und kritische Nutzung von LLMs.
- The Turing Way – Handbuch für reproduzierbare, ethische und kollaborative Forschung.
Bibliographie
Zitat
@inreference{mähr2025,
author = {Mähr, Moritz},
title = {Wissenschaftliches Schreiben},
booktitle = {Critical AI Literacy für Historiker:innen},
date = {2025-12-24},
url = {https://maehr.github.io/critical-ai-literacy-for-historians/de/exercises/schreiben.html},
langid = {de}
}