Quellensuche für eine historische Forschungsfrage

Der Vorort und der Europaratsbeitritt 1963

Quellen
Eine angeleitete Übung zur systematischen Quellensuche (primär/sekundär/tertiär) mit reflektiertem Einsatz generativer KI.
Autor:in
Zugehörigkeit

Moritz Mähr

Universität Bern

Veröffentlichungsdatum

29. Dezember 2025

Geändert

12. Februar 2026

Überblick und didaktisches Ziel

Diese Übung trainiert übertragbare Recherchekompetenzen: von der präzisen Operationalisierung einer Forschungsfrage über systematische und unsystematische (Snowball-)Suchstrategien bis zur kritischen Bewertung von Quellen (Provenienz, Kontext, Bias, Relevanz).(Putnam 2016) Generative KI wird dabei als heuristisches Hilfsmittel eingesetzt (Begriffsklärung, Keyword-Expansion, Suchpfade).(Milligan 2019)

Als Fallbeispiel dient die Forschungsfrage:
Welche Rolle spielte der Schweizerische Handels- und Industrie-Verein (Vorort) im Entscheidungsprozess zum Europaratsbeitritt 1963?

Die Übung folgt einem zirkulären Forschungsverständnis: Suchresultate verändern Keywords, Hypothesen und die Eingrenzung des Untersuchungsdesigns.

HinweisHinweis zur Materialität der Quellenlage

Beachten Sie bei der Archivarbeit Schutzfristen, Nutzungsbedingungen und digitale Verfügbarkeit der einzelnen Bestände. Planen Sie den Arbeitsaufwand für Einsichtsgesuche, On-Site-Konsultation und Reproduktionsrechte ein.

Voraussetzungen

  • Grundverständnis historischer Forschungsmethoden
  • Basiskenntnisse im Umgang mit generativer KI (insbesondere Prompting)
HinweisPrompt Engineering

Falls Sie noch nicht mit Prompting vertraut sind, empfehlen wir die Übung Prompt Engineering zuerst zu durchlaufen.

HinweisLLM

Sie können die Übung mit LLMs von unterschiedlichen Herstellern durchführen. Für diese Übung ist es hilfreich, wenn das LLM Zugriff auf das Internet hat und sich Dateien hochladen lassen.

Lernziele

Nach Abschluss der Übung können Sie:

  • Quellen typologisch unterscheiden (primär/sekundär/tertiär) und ihre epistemische Funktion begründen,
  • eine Forschungsfrage in recherchierbare Teilfragen und Suchindikatoren übersetzen,
  • systematische und Snowball-Suche kombiniert einsetzen und dokumentieren,
  • mehrsprachige Suchstrategien entwickeln (DE/FR/EN; inkl. historischer Terminologie),
  • Bibliothekskataloge, bibliografische Datenbanken, Findmittel und Portale zielgerichtet nutzen,
  • Fundstellen reproduzierbar dokumentieren und quellenkritisch bewerten,
  • Antworten als heuristische Vorschläge behandeln, systematisch prüfen und reflektieren.

Struktur der Übung

  1. Forschungsfrage operationalisieren
  2. Quellenarten und Evidenzlogik
  3. Systematische Suche I: Tertiärquellen und Kontextgerüst
  4. Systematische Suche II: Kataloge, Datenbanken, Amtsdruckschriften
  5. Unsystematische Suche: Snowballing aus Kernliteratur und Dossiers
  6. Archive und Findmittel: Provenienzlogik und Bestandsbildung
  7. Quellenkritik: Bewertungsraster und Minimaldokumentation
  8. KI-Reflexion: kontrollierte Nutzung, Nachweis, Fehlerkultur

1. Forschungsfrage operationalisieren

Ziel

Die Forschungsfrage wird in Teilfragen zerlegt, sodass daraus konkrete Suchpfade und prüfbare Teilhypothesen entstehen.

Aufgabe (ohne KI)

Skizzieren Sie in 10 Minuten ein Arbeitsmodell des Entscheidungsprozesses (Akteure, Arenen, Phasen, Dokumenttypen).

Leitfragen:

  • Welche staatlichen Arenen sind relevant (Bundesrat, Departemente, Parlament, Vernehmlassung, Diplomatie)?
  • Wo könnte der Vorort interveniert haben (Positionspapiere, Kontakte, Medien, Expertenkommissionen)?
  • Welche analytische Bedeutung haben Agenda-Setting, Expertise, Lobbying, Koalitionsbildung, Legitimation, Gatekeeping?

Aufgabe (KI-Exploration)

Zerlege die Forschungsfrage in 4–6 Teilfragen, die jeweils quellenbasiert überprüfbar sind.
Gib für jede Teilfrage an, welche Dokumenttypen als Evidenz dienen könnten.

Kritischer Abgleich

Markieren Sie in der Antwort:

  • prüfbare vs. vage Aussagen,
  • fehlende Arenen (z. B. Vernehmlassung, EDA/EVD),
  • implizite Begriffsannahmen (z. B. „Lobbying“ als potenziell anachronistische Kategorie).

2. Quellenarten und Evidenzlogik

Ziel

Klären, welche Evidenz welche Behauptungen stützen kann – und welche systematischen Grenzen bestehen.

Aufgabe: Quellentypen-Matrix (ohne KI)

Erstellen Sie eine Matrix mit:

  • Zeilen: Teilfragen / Teilhypothesen
  • Spalten: Quellentypen

Quellentypen:

  • Primär: Verbandsprotokolle, Korrespondenz, interne Berichte, Eingaben, Aktennotizen; Regierungsakten; Parlamentsprotokolle; Medienberichte
  • Sekundär: Forschungsliteratur zu Aussen-, Europa- und Verbändepolitik; Organisationsgeschichte Vorort/economiesuisse
  • Tertiär: Kataloge, Bibliografien, Dossiers, Register, Datenbanken, Findmittel

Für jede Zelle: Was wäre ein überzeugender Beleg? / Welche Verzerrungen sind wahrscheinlich?

Aufgabe (KI-Exploration)

Nenne für die Forschungsfrage geeignete Primär-, Sekundär- und Tertiärquellen.
Ordne jede Quelle einer Arena zu (Bundesrat / Departement / Parlament / Verband / Medien / international).

Reflexion

Wo „erfindet“ KI typischerweise Quellen (z. B. scheinbar konkrete Protokolle oder Briefe ohne Nachweis)? Notieren Sie drei Risikofelder.

3. Systematische Suche I: Kontextgerüst über Tertiärquellen

Ziel

Ein orientierendes Referenzgerüst aufbauen, bevor die Tiefenrecherche beginnt.

Kernressourcen

Aufgabe (KI als Suchassistent, nicht als Quelle)

Erstelle eine Liste von 15 Suchorten (Portale, Kataloge, Editionen, Archive, Datenbanken),
die für die Frage nach dem Vorort und dem Europaratsbeitritt 1963 relevant sein könnten.
Gib pro Suchort 1–2 typische Trefferarten an (z. B. Botschaft, Protokoll, Dossier, Zeitungsartikel).

Validierung

  • Öffnen Sie mindestens 5 genannte Suchorte und testen Sie je 2 Suchanfragen.
  • Dokumentieren Sie Nullresultate (falsche Arena, falscher Begriff, falscher Zeitraum, fehlende Digitalisierung).

4. Systematische Suche II: Kataloge, Datenbanken, Amtsdruckschriften

Ziel

Suchbegriffe als testbare Hypothesen entwickeln, inkl. historischer Terminologie und Namensvarianten.

Aufgabe A: Begriffsfelder

Erstellen Sie drei Begriffsfelder (DE/FR/EN):

  1. Akteur: Vorort; Schweizerischer Handels- und Industrie-Verein; SHIV; (FR) Union suisse du commerce et de l’industrie; economiesuisse (rückprojizierend kennzeichnen)
  2. Ereignis/Institution: Europarat; Council of Europe; Beitritt/Mitgliedschaft/accession; 1963; EMRK/EGMR (als Kontextpfade)
  3. Prozess/Mechanismen: Vernehmlassung; Interessenverband; Eingabe; Stellungnahme; Gutachten; wirtschaftliche Interessen; Aussenwirtschaftspolitik

Aufgabe B (KI-gestützt): kontrollierte Synonymlisten

Erstelle für die drei Begriffsfelder (Akteur / Institution-Ereignis / Prozess) je 12–20 Suchbegriffe.
Bedingungen:
- DE/FR/EN getrennt ausgeben
- historische Schreibweisen und Abkürzungen berücksichtigen
- pro Begriff angeben, wo er eher vorkommt (Parlamentsprotokoll / interne Akten / Presse)
- keine erfundenen Eigennamen oder Signaturen

Qualitätscheck

  • Entfernen oder markieren Sie anachronistische Begriffe als rückblickende Suchanker.
  • Ergänzen Sie Personen- und Ortsanker (z. B. Vorort-Präsidium, Delegierte; Bern/Zürich; relevante Departemente).

5. Systematische Recherche: Sekundärliteratur und Referenzwerke

Ziel

Eine belastbare Ausgangsbasis an Sekundärliteratur (inkl. Bibliografien) schaffen.

Aufgabe A: Katalogstrategie

Recherchieren Sie mit Kombinationen wie:

  • (Vorort OR SHIV) AND (Europarat OR Council of Europe) AND 196*
  • (Verbände OR Interessenpolitik) AND (Aussenpolitik OR Europapolitik) AND Schweiz AND 1950–1960
  • Schweiz AND Europarat AND (Beitritt OR membership OR accession)

Dokumentieren Sie:

  • Suchbegriffe
  • Filter (Jahr, Sprache, Materialtyp)
  • Trefferzahlen
  • Auswahlkriterien

Aufgabe B (KI-gestützt): Suchbegriffe optimieren

Hier sind meine bisherigen Suchbegriffe und Trefferprobleme: [einfügen].
Optimiere die Suchbegriffe für Kataloge (Boolean, Phrasen, Trunkierung).
Gib 6 Varianten an und erkläre kurz, welches Problem jede Variante adressiert.

Deliverable

  • Kurzannotierte Bibliografie (8–12 Titel) mit:

    • Fragerelevanz (1–2 Sätze)
    • erwartetem Quellenwert (welche Primärquellen werden zitiert?)

6. Unsystematische Suche: Snowballing

Ziel

Von einem kleinen Startkorpus ausgehend Debatten und Quellenverweise rekonstruieren.

Aufgabe: Startset definieren

Wählen Sie:

  • 1 Dossier oder Edition (Navigator),
  • 1 Überblicksdarstellung,
  • 1 vertiefende Studie (akteurs- oder institutionsnah).

Snowball-Protokoll

  • zentrale Referenzen (10–20),
  • zitierte Primärquellen (Archive, Signaturen, Dokumenttypen),
  • wiederkehrende Akteure und Kommissionen.

Aufgabe (KI-Exploration)

Ich habe folgende 8 Literatur- oder Quellenangaben:
1. ___
2. ___

Ordne sie nach (a) Primär/Sekundär, (b) Arena, (c) potenzieller Erkenntniswert
für die Rolle des Vororts.
Schlage je eine Anschlussrecherche vor.

Reflexion

Snowballing reproduziert Kanons und Blindstellen. Notieren Sie fehlende Perspektiven (z. B. Gewerkschaften, Parteien, internationale Akteure) und mögliche Gegenstrategien.

7. Archivrecherche: Findmittel, Bestände, Zugang

Ziel

Primärquellen so identifizieren, dass sie bestell- und auswertbar sind.

Startpunkte (Orientierung)

  • Vorort-/economiesuisse-Bestände im Archiv für Zeitgeschichte (ETH Zürich)
  • Nachweise in Katalogen (z. B. SWA/UB Wirtschaft Basel)
  • Vorort-bezogene Dokumente in diplomatiegeschichtlichen Kontexten (z. B. Dodis)
WarnungMethodischer Hinweis

„Dossier gefunden“ ist nicht gleich „Evidenz gesichert“. Findmittel sind tertiäre Zugangsinstrumente: Sie strukturieren Sichtbarkeit, nicht Wahrheit.

Aufgabe A: Findmittelanalyse

Rekonstruieren Sie für ein Archiv:

  • Serien- und Dossierarten,
  • Erschliessungslogik,
  • Zugangsbeschränkungen.

Aufgabe B: Dossier-Shortlist (1960–1963)

Erstellen Sie eine Shortlist von 10 Einheiten mit:

  • Signatur oder Permalink,
  • Titel und Laufzeit,
  • erwarteter Bezug zur Teilhypothese,
  • Zugang (online / Lesesaal / Gesuch).

Aufgabe C (KI-gestützt): Suchpfade planen

Schlage drei Suchpfade vor:
1) akteurszentriert
2) prozessorientiert
3) ereigniszentriert
Je Pfad: 8–12 Suchbegriffe (DE/FR/EN) inkl. Namensvarianten.

8. Iteration, Reproduzierbarkeit und KI-Reflexion

Rechercheprotokoll

Mindestens:

  • Datum, Tool/Portal, Query, Filter, Trefferzahl
  • Auswahlkriterien
  • Bias-Notizen (OCR, Erschliessung, Sprache)

Reflexionsfragen (250–400 Wörter)

  • Was hat KI konkret beschleunigt?
  • Wo hat sie verführt (Scheinspezifik, Anachronismen)?
  • Welche Validierungsschritte haben Sie eingeführt?
  • Welche Entscheidungen blieben zwingend menschlich?

KI-Protokoll (Anhang)

  • 2–3 Prompts,
  • gekürzte Antworten,
  • begründete Korrekturen oder Rejects.

Abgabe

  1. Quellen-Matrix (Teilfragen × Quellentypen)
  2. Rechercheprotokoll (≥ 15 Einträge)
  3. Shortlist: 10 Primärquellen-Einheiten
  4. Kurzannotierte Bibliografie (8–12 Titel)
  5. Reflexion zum KI-Einsatz inkl. KI-Protokoll

Weiterführende Ressourcen

Bibliographie

Milligan, Ian. 2019. History in the Age of Abundance? How the Web Is Transforming Historical Research. Montreal; Kingston: McGill-Queen’s University Press. https://doi.org/10.2307/j.ctvggx2kh.
Putnam, Lara. 2016. „The Transnational and the Text-Searchable: Digitized Sources and the Shadows They Cast“. The American Historical Review 121 (2): 377–402. https://doi.org/10.1093/ahr/121.2.377.
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Mähr, Moritz. 2025. “Quellensuche für eine historische Forschungsfrage.” In Critical AI Literacy für Historiker:innen. https://maehr.github.io/critical-ai-literacy-for-historians/de/exercises/quellensuche-vorort-europarat-1963.html.